goEast Symposium 2017 – auf den Spuren von Regisseurinnen aus Mittel- und Osteuropa

goEast 2017 - Plakat
©goEast

Das goEast Symposium findet jährlich als Film- und Vortragsreihe innerhalb des Festivals statt und lädt diesmal zur Wiederentdeckung und Würdigung einer im Filmschaffen stets marginalisierten Personengruppe ein.

Es geht um Regie-Frauen aus dem Osten, die sich mit der Einordnung in die Kategorien des Feminismus stets schwer taten, aber für ein gleichberechtigtes Frauen-Dasein (und mehr) eintraten. Das Symposium fordert auf zur Re-Vision dieses „reluctant feminism” und setzt ihn zu gegenwärtigen feministischen Positionen im Kino Mittel- und Osteuropas in Beziehung.

Unter dem Titel „Feministisch wider Willen: Filmemacherinnen aus Mittel- und Osteuropa” präsentiert Kuratorin Barbara Wurm vom 27. bis zum 30. April im Rahmen von goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films (26. April bis 2. Mai 2017) – ein dichtes Programm bestehend aus 26 Filmen, sechs Vorträgen sowie drei Podiumsdiskussionen.

FILMPROGRAMM

Das Filmprogramm des Symposiums setzt sich aus zwölf Lang-, zwei Mittellang- und zwölf Kurzfilmen unterschiedlicher (post-)sozialistischer Epochen und Regionen zusammen. Die Mehrzahl der Regisseurinnen kommt dabei aus der UdSSR, ein Kurzfilmprogramm widmet sich dem Großaufgebot polnischer Star-Dokumentaristinnen, aber auch Bulgarien, Bosnien, Ungarn sowie die DDR und die Tschechoslowakei sind vertreten. Filme von Klassikerinnen wie Wanda Jakubowska, Larisa Shepitko, Lana Gogoberidze und Kira Muratova werden dabei flankiert von längst fälligen Wiederentdeckungen: Binka Zhelyazkovas DAS LETZTE WORT (POSLEDNATA DUMA, Bulgarien, 1973), Judit Eleks VIELLEICHT MORGEN (MAJD HOLNAP, Ungarn, 1980) und Dinara Asanovas MEIN LIEBER, TEURER, EINZIGER … (MILY, DOROGOY, LYUBIMY, EDINSTVENNY, UdSSR, 1984).

Von den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart reicht das Spektrum: ZERRISSENE STIEFEL (RVANYE BASHMAKI, UdSSR, 1933) etwa von Margarita Barskaya spielt im Deutschland der Weltwirtschaftskrise. Ein sozialkritischer Film über Armut und Arbeitslosigkeit — aus der Perspektive von Kindern (und deren arbeitslosen Müttern).

Sprung in die DDR der 60er Jahre: In WIR LASSEN UNS SCHEIDEN (DDR, 1968), dem zweiten Film von Ingrid Reschke — neben Iris Gusner eine der „DEFA-Frauen” — durchlebt der achtjährige Manni das Scheidungsdrama seiner Eltern. Inszeniert als Komödie mit köstlich-knochentrockenem Humor, reflektiert der Film gleichzeitig sensibel und einfühlsam die Institutionen Ehe und Familie.

Auch interessant  Jella Haase beim Internationalen Filmfestival in Guadalajara geehrt

Wenig zu lachen gibt es schließlich in FÜR DIE, DIE NICHT SPRECHEN KÖNNEN (ZA ONE KOJE NE MOGU DA GOVORE, Bosnien-Herzegowina, 2013) von Jasmila Žbanić. Eine australische Touristin ist in einer vermeintlich idyllischen Kleinstadt an der Grenze von Bosnien zu Serbien den Grausamkeiten des Krieges, nicht zuletzt Vergewaltigungen, auf der Spur.

VORTRÄGE

Interessante Positionen gibt es auch in den Vorträgen: Autorin und Kuratorin Cornelia Klauß (Berlin) stellt in FEMINISMUS – DAS WAR IN DER DDR KEINE KAMPFVOKABEL DEFA-Frauen-Produktionen denjenigen aus dem experimentellen Untergrund der DDR gegenüber. Mit der Prager Feministin, Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Publizistin Pavla Frýdlová blicken wir auf den Kontinent Chytilová, einer der führenden Protagonistinnen der Tschechoslowakischen Neuen Welle: TSCHECHISCHER FILM UND FEMINISMUS. DAS BEISPIEL VĚRA CHYTILOVÁ fragt etwa, ob nicht nur die allbekannten TAUSENDSCHÖNCHEN, sondern auch das im Symposium gezeigte SPIEL UM DEN APFEL (HRA O JABLKO, Tschechoslowakei 1976) Feminismus-Ansprüche erheben darf. Äußerst widerstrebend-feministisch hingegen ist das Oeuvre der Vera Stroeva (1901-1993): Der Kölner Filmkritiker und Programmmacher Olaf Möller beleuchtet in seinem Vortrag MITTEN IN DER MACHT. DIE ANDERE WEIBLICHE SELBSTSTÄNDIGKEIT DER VERA STROEVA die Werkbiographie dieser stets in der zweiten Reihe gebliebenen sowjetischen System-Regisseurin.

Des Weiteren im Vortragsprogramm:

ICH BIN DIE FRAU MEINES LEBENS – FEMINISTISCHE PERSPEKTIVEN AUF DEN OSTEUROPÄISCHEN FILM
Beata Hock, PhD Kulturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin, Leipzig

REGIE-FRAUEN IM POLNISCHEN KINO: GESTERN, HEUTE, MORGEN
Agnieszka Wiśniewska, Aktivistin, Feministin und Journalistin, Warschau

NEUE FRAUEN? STREIFZÜGE DURCH DIE (POST-)SOWJETISCHE FILMLANDSCHAFT
Barbara Wurm, Slawistin und Autorin, Berlin

Weitere Infos unter www.filmfestival-goeast.de

PrintFriendly and PDF

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen