Starter-Filmpreise 2018 an Studierende der HFF München vergeben

HFF München
©HFF München

Im City Kino München wurden vier Studierende der HFF München für ihre Filmprojekte mit dem Starter-Filmpreis 2018 der Landeshauptstadt München ausgezeichnet.

Die drei mit jeweils 6.000 € dotierten Regie-Nachwuchspreise gingen an Mila Zhluktenko und Sylvain Cruiziat für den Dokumentarfilm FIND FIX FINISH, Jovana Reisinger für den Kurzspielfilm PRETTY GIRLS DON’T LIE und Anatol Schuster für den Spielfilm LUFT.

Den zusätzlichen Starter-Filmpreis für Produktion, gestiftet von ARRI Media GmbH als geldwerte Leistung in Höhe von 6.000 Euro für die Postproduktion eines künftigen Films gab es für Anna Rollers Film PAN, produziert von ihrer HFF-Kommilitonin Tanja Schmidbauer.

Über die Vergabe der Preise hatte der Kulturausschuss des Stadtrates der Landeshauptstadt München auf Vorschlag einer Jury entschieden, der in diesem Jahr angehörten: Dunja Bialas (Artechock Filmmagazin), Marga Boehle (Filmkritikerin), Zoran Gojic (Filmkritker Münchner Merkur), Christoph Gröner (Filmfest München), Noni Lickleder (Goethe-Institut, Film), Yulia Lokshina (Preisträgerin 2017) und aus dem Stadtrat Kathrin Abele und Christian Vorländer (SPD), Ulrike Grimm und Walter Zöller (CSU) und Sabine Krieger (Fraktion Die Grünen – rosa Liste).

Die Begründungen der Jury

FIND FIX FINISH von Sylvain Cruiziat und Mila Zhluktenko
Produktion: Veronika Faistbauer und Mariella Santibáñez
Kamera: Nikolai Huber

Wir sehen alles, erzählt ein Mann aus dem Off: ein Paar, das sich auf dem Dach liebt, weil es dort lebt. Hochzeiten, Beerdigungen, Menschen, die nach draußen gehen, um ihre Notdurft zu verrichten – wir beobachten sie tage-, wochen-, monatelang. Dabei stellt sich eine seltsame Intimität ein. In Wahrheit verfolgen wir aber gar keine Menschen, sondern ihre Telefone – wir jagen Sim-Cards …

Drei US-Drohnenpiloten berichten nüchtern von ihrer Arbeit, beschreiben militärische Routine und alltägliche Szenen, beobachtet aus der Vogelperspektive. Die Ästhetik der Bilder zieht den Zuschauer hinein ins Geschehen und baut zugleich Distanz auf. Ausgedehnte Fahrten durch die Nacht, der die Drohnenperspektive suggerierende Blick auf Urlauber am Strand, lange Schwarzblenden, dann wieder schnell kreisende Bewegungen der Kamera – all das verleiht ein irritierendes, leicht bedrohliches Gefühl, das durch die unaufgeregten Erzählstimmen eines Mannes und einer Frau wirkungsvoll kontrastiert wird. Stimmen, die beinahe unbeteiligt von einem grausamen Krieg von oben berichten. Denn am Ende haben die Piloten nur einen Auftrag: FIND FIX FINISH.

Was passiert, wenn die Menschen auf den Bildschirmen nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden, sondern als Objekte einer High Value Target List, zeigen Sylvain Cruiziat und Mila Zhluktenko eindrucksvoll und mit starker stilistischer Stimme in ihrem dokumentarischen Kurzfilm. Die Diskrepanz zwischen langen Einstellungen, ruhigen Stimmen und erschütternden Inhalten entfaltet eine unmittelbare Kraft und Wirkung.

PRETTY GIRLS DON’T LIE von Jovana Reisinger
Produktion: Jovana Reisinger
Kamera: Felix Pflieger

„Nimm nicht ab, kauf dir lieber eine Stretchhose!“ Die Urheberin dieser frechen Dialogzeile ist eine ebenso lustvolle Erzählerin wie beiläufige Regisseurin. Ihre leichtfingrigen Geschichten lassen den verblassten Glanz der Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft wiederauferstehen und knüpfen mit ihren immer auch ein wenig selbstironischen, gescheiterten Selbstdarstellern an die Geschichten über die Isarmetropole an, wie sie ein Herbert Achternbusch, Helmut Dietl oder Klaus Lemke, so unterschiedlich sie sein mögen, zu erzählen gewusst haben. Mit großer Detailfreude und in stilvoll gelangweilten Dialogen inszeniert Jovana Reisinger in PRETTY GIRLS DON’T LIE eine soapige Geschichtsoberfläche, die von einem aberwitzigen Off-Erzähler kommentiert wird; mit einem me-dialen Augenzwinkern loten Werbeunterbrechungen den filmischen Raum zusätzlich als Artefakt aus. All‘ dies lässt sich wie der Beginn einer neuen deutschen Komödie des kunstvollen Understatements an.

Dabei geht es immer hübsch unkorrekt zu, mit einem feministischen Selbstbewusstsein, das das politische Adjektiv nicht einmal braucht. Absichtlich laienhaft und voller Lust an der Inszenierung versammelt PRETTY GIRLS DON’T LIE Protagonisten eines anderen München, die im realen Leben aus der freien Kunstszene stammen, mit denen Jovana Reisinger ein schillerndes Pop-Korrektiv zum offiziellen Narrativ der Touristeninformation lebendig werden lässt. Wir wünschen uns mehr von diesem Münchner Anarcho-Dadaismus, weil er uns an die subversive Kraft erinnert, die in der Isarmetropole Geschichte geschrieben hat.

LUFT von Anatol Schuster
Produktion: Isabelle Bertolone, Marius Ehlayil mit wirFILM
Kamera: Julian Krubasik

Luft ist unsichtbar. Luft ist Essenz. Luft ist der Stoff, den es zum Leben braucht. Als Atem wird der schnöde Sauerstoff zum Seelenstoff in vielen Kulturen. Gleichzeitig: Sich Luft machen heißt auch der Persönlichkeit Raum geben, sich zu entfalten. Diese Assoziationsräume sind ohne Zweifel groß, aber sie passen zur Ambition dieses Films, der nur scheinbar einen ganz einfachen Titel trägt: luft. Von Anatol Schuster.

An der Oberfläche ist dies ein Coming-of-Age-Film: Manja (17) wohnt in einer Hochhaussiedlung am Rande der Stadt. Als ihr im Wald die Rebellin Louk (17) auf der Flucht vor Jägern in die Arme stürzt, ist dies der Beginn einer ersten, großen Liebe.

Diese Mädchen sind mit wunderbaren darstellerischen Entdeckungen besetzt, Anatol Schuster verweigert sich gemeinsam mit seinen Heldinnen, gespielt von Paula Hüttisch und Lara Feith, die Jugend unterkomplex und einfach zu zeichnen. Das sind lebendige, sensible Charaktere in komplexen sozialen Gefügen und Empfindungszuständen – mit einem ganz eigenen Blick auf die Welt.

Der Regisseur offenbart sich hier als Sensibilist, stellt sich in eine Tradition, die dem deutschen Kino abhandenzukommen drohte. luft ist tatsächlich das, was die Macher schon als Absicht formulierten: Ein filmisches Gedicht, dass nach seiner Premiere auf dem Filmfest München und seiner internationalen Premiere auf dem Flare Festival in London nun weltweit zu sehen ist. Ein atmosphärisches und mutiges Werk, für das Kino gemacht, wohin es Anfang 2019 endlich seinen regulären Weg finden wird.

PAN von Anna Roller
Produktion: Tanja Schmidbauer
Kamera: Felix Pflieger

Eine junge Frau auf einer Party. Sie tanzt ausgelassen zur Musik, immer entgrenzter, bis sie mit einem Mal wie ein wildes Tier in die Kamera blickt. Und zu dem wird sie am Ende auch, in diesem ungewöhnlichen Film der jungen Münchner Regisseurin Anna Roller. „PAN“ ist ein Horrorthriller, versiert umgesetzt, mit einer eigenen, wuchtigen Bildsprache und dem Willen, sich selbst ernst zu nehmen. Anna Roller beherrscht das Instrumentarium des Genres verblüffend sicher. Atmosphäre erschaffen, durch Montage Spannung erzeugen, mit Spezialeffekten verstörende Momente entstehen lassen – all das muss man können, soll solch ein Film nicht unfreiwillig komisch ausfallen. Und Anna Roller kann es erkennbar gut. Zudem hat sie ein sehr feines Gespür für die Ökonomie einer Geschichte – man darf es nicht übertreiben, muss zum Punkt kommen und zielstrebig das Finale vorbereiten. All das praktiziert Anna Roller mustergültig. Gleichzeitig beweist sie großes Geschick in der Schauspielführung. „PAN“ ist eine Tour de Force für die Hauptdarstellerin Anna Platen, die eine überzeugende Vorstellung zeigt. Roller führt sie mit sicherer Hand durch die anspruchsvolle Aufgabe, diesen Film zu schultern.

Zu guter Letzt ist „PAN“ auch eine hinterhältige Parabel, die Anna Roller wunderbar beiläufig erzählt. Es ist hier entgegen tradierter Muster die Frau, die ihre Begierden nicht mehr im Griff hat und die auf die Jagd geht nach einem Mann, weil ihr danach ist. Deswegen verstört der Film, auch weil es keine Sekunde in Frage gestellt wird. Man muss das nicht als Beitrag zur Geschlechterdebatte sehen, aber man kann. Und es war seit jeher die Stärke von Horrorfilmen, aktuelle gesellschaftli­che Entwicklungen abzubilden und zu kommentieren. Anna Roller hat die Chancen erkannt, durch das Genre etwas wirkungsvoll zu erzählen und dabei handwerklich und erzählerisch ihr Terrain zu erweitern. Ein vielversprechender Talentnachweis.