Berlinale Generation 2019 – Den Unterdrückten eine Stimme geben

Berlinale 2019 (Plakat)
©Internationale Filmfestspiele Berlin, Velvet Creative Office

Ausgewählt aus knapp 2.500 Einreichungen, werden insgesamt 62 Lang- und Kurzfilme aus 36 Produktions- und Koproduktionsländern in den Programmen von Generation Kplus und Generation 14plus präsentiert.

Auf formal wie auch inhaltlich ganz unterschiedliche Weisen reflektiert die Auswahl fundamentale gesellschaftspolitische Themen der Gegenwart und gibt insbesondere jungen Menschen ihre Stimme. Oft vernachlässigt und unterdrückt von der sie umgebenden Erwachsenenwelt, sehen sich viele der Protagonist/innen zu radikalen Entscheidungen gezwungen, hinter die es meist kein Zurück mehr gibt.

Ich freue mich, dass wir mit der Einführung des Jugendfilmprogramms 14plus beim ehemaligen Kinderfilmfest im Jahr 2004 und der Umbenennung der Sektion in Generation 2007 die Beliebtheit des Programms so enorm weiter steigern konnten. Die Besucher/innenzahlen sind von damals 15.000 auf inzwischen 70.000 gestiegen“, sagt Festivaldirektor Dieter Kosslick.

Sektionsleiterin Maryanne Redpath kommentiert das diesjährige Programm:
Die Protagonist/innen der ausgewählten Filme sind selbstbestimmte Charaktere, die häufig von konservativen Traditionen herausgefordert werden und neue Wege beschreiten. Nicht selten erwächst die Kreativität, die sie dabei an den Tag legen, einer ziellosen Langweile, von der wir Erwachsenen fast vergessen haben, welche Produktivität ihr innewohnt“.

Dokumentarische Formen

Mit insgesamt 13 Filmen ist die Vielfalt dokumentarischer Formen in diesem Jahr besonders groß. Langzeitstudien und Momentaufnahmen, intime Nahaufnahmen und respektvolle Beobachtungen ergänzen und kontrastieren verschiedene Perspektiven auf die Frage, was es bedeutet, unter den Bedingungen einer zunehmend komplexen Welt aufzuwachsen. In häufig hybriden Formen greifen die Filme die Dynamik, Bilder und Töne der Umgebungen auf, die sich in den mal urbanen, mal ländlichen Wirklichkeiten der jungen Menschen widerspiegeln.

Kurzfilme bei Generation

In diesem Jahr präsentieren die Generation-Kurzfilmprogramme 32 Produktionen aus insgesamt 21 Ländern. Ein rebellischer Blick auf die Realität, der prägend für das gesamte Programm steht, kondensiert hier zu schillernden Experimenten mit Erzählformen und Formsprachen, die oftmals hermetisch abgeriegelte Welten hervorbringen. Die Filmemacher/innen reflektieren ihr eigenes Schaffen und entwickeln einen innovativen Umgang mit der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit, in der jede Sekunde zählt.

Eröffnungsfilme

Ganz im Sinne der Sektion richten sich die diesjährigen Eröffnungsfilme von Generation an ein breites Publikum und ziehen junge engagierte ebenso wie aufgeschlossene erwachsene Zuschauer/innen in ihren Bann. Makoto Nagahisas Langfilmdebüt „We Are Little Zombies“ eröffnet in Anwesenheit des Regisseurs und seines Teams Generation 14plus im Haus der Kulturen der Welt. Vier durchschnittlich 13½-jährige Japaner/innen begeben sich darin auf eine fulminante Reise durch ihr aufgewühltes Innenleben.

Eine abenteuerliche Zeitreise und eine Schatzsuche quer durch die deutsche Hauptstadt bis unter die Erde des Teufelsbergs erzählt der Eröffnungsfilm von Generation Kplus, „Cleo“. Nach seinen Kurzfilmen „Nashorn im Galopp“ und „Berlin Metanoia“ (14plus 2013 und 2016) begeistert der Berliner Regisseur Erik Schmitt erneut mit stilistisch markanten und überraschenden Einfällen.

Ergänzend zu den bereits gemeldeten Filmen sind folgende Produktionen eingeladen:

Generation 14plus

By the Name of Tania
Belgien / Niederlande
von Bénédicte Liénard, Mary Jiménez
Weltpremiere – Dokumentarische Form

Träge fließt der Amazonas durch die von Goldminen zerklüftete Landschaft im Norden Perus. Anhand realer Zeugenberichte schildern die Regisseurinnen Bénédicte Liénard und Mary Jiménez die Geschichte einer jungen Frau, die bei dem zunächst hoffnungsfrohen Versuch, der Enge ihres Heimatdorfs zu entkommen, in die Fänge der Zwangsprostitution gerät. Schritt für Schritt wird sie ihrer moralischen und physischen Integrität beraubt. Dagegen setzt der Film einen Raum der Würde und gibt einem namenlos gewordenen Schicksal Stimme und Identität zurück. Bildgewaltig versinnbildlicht die traumatische Odyssee des Mädchens in Verbindung mit den verheerenden Naturverwüstungen die Zerstörung des Lebens in einer kapitalistischen Welt.

Espero tua (re)volta (Your Turn)
Brasilien
von Eliza Capai
Weltpremiere – Dokumentarische Form

Als im Jahr 2015 aufgrund der sich zuspitzenden Sozialkrise zahlreiche Schulen in São Paulo geschlossen werden sollen, besetzen Schüler/innen öffentliche Gebäude. In ihrem dritten Langfilm zeigt die brasilianische Dokumentarfilmerin Eliza Capai anhand von Nachrichtenausschnitten, selbstgeführten Interviews und Aufnahmen von Handykameras der Demonstrant/innen die Entwicklung der vielstimmigen Proteste. Beginnend mit den ersten Demonstrationen 2013 bis hin zur Wahl des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro 2018, gewinnt Capais hochpolitisches Werk täglich an Relevanz.

The Magic Life of V
Finnland / Dänemark / Bulgarien
von Tonislav Hristov
Europäische Premiere – Dokumentarische Form

Die junge Finnin Veera versucht, sich ihrer gewalttätigen Kindheit durch Live-Rollenspiele zu stellen. Ob als Zauberin oder Kriegerin – mutig konfrontiert sie ihre Widersacher und schöpft dadurch die Kraft, ihrem wahren Peiniger zu begegnen. Behutsam und in langsamen Schritten zeigt Tonislav Hristov in seinem intimen und persönlichen Portrait, wo die Ursachen für Veeras Bedürfnis nach ständiger Transformation liegen.

The Red Phallus
Bhutan / Deutschland / Nepal
von Tashi Gyeltshen
Europäische Premiere – Debütfilm

In den Weiten des Himalayas, in einem abgelegenen Dorf, fühlt sich die 16-jährige Sangay von Dämonen hinter blutroten Masken verfolgt. Ihr Vater hält fest an uralten repressiven Traditionen ihrer Kultur: Als angesehener Kunsthandwerker schnitzt er Phallusse aus Holz, die böse Geister vertreiben sollen. In archaischem Rhythmus erzählt der radikale Debütfilm des bhutanischen Autodidakten Tashi Gyeltshen vor gewaltiger Kulisse vom tragischen Kampf des Mädchens für Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit.

Rekonstruktion Utøya (Reconstructing Utøya)
Schweden / Norwegen / Dänemark
von Carl Javér
Internationale Premiere – Dokumentarische Form
Außer Konkurrenz

In geschütztem Raum und unter Betreuung von Psychologen vertrauen vier Überlebende des Amoklaufs, der im Sommer 2011 auf der norwegischen Insel Utøya verübt wurde, einer Gruppe von Jugendlichen ihre ganz persönlichen Erfahrungen an. Um das Erlebte zu bewältigen, werden Szenen aus dem Grenzbereich zwischen Leben und Tod eindringlich und minimalistisch rekonstruiert: Die Flucht vor den Schüssen, das Verstecken, die Angst. Mit großer Sensibilität schildert der renommierte Dokumentarfilmer Carl Javér die gemeinsame Aufarbeitung eines Traumas und das Erwachen neuer Hoffnung.

Ringside
Deutschland / USA
von André Hörmann
Weltpremiere – Dokumentarische Form

Das jüngste Werk des renommierten Regisseurs, Autors und Produzenten André Hörmann zeichnet in einer ebenso geduldigen wie einfühlsamen Beobachtung den Weg der US-amerikanischen Boxtalente Kenny Jr. und Destyne Jr. nach. Aufgewachsen in der berüchtigten Chicagoer South Side, starten die beiden Freunde und Konkurrenten etwa zeitgleich eine vielversprechende Karriere. Bald jedoch trennen sich ihre Wege. Während Kenny beginnt, in der Welt des Profisports Fuß zu fassen, muss Destyne zunächst ins Gefängnis. Entstanden ist eine berührende Geschichte über Unterdrückung, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und die unbändige Kraft der Hoffnung, seinem Schicksal zu entkommen.

Shao nian de ni (Better Days)
Hongkong / Volksrepublik China
von Derek Kwok-Cheung Tsang
Weltpremiere

Nian versucht für die staatliche Gaokao-Prüfung zu büffeln, von der ihre Chancen auf einen Studienplatz abhängen. Dass sie unentwegt von ihren Mitschülerinnen schikaniert wird, ist dabei nicht gerade hilfreich. Eine nächtliche Begegnung führt die schüchterne Schülerin mit dem ausgebufften Trickser Bei zusammen. Als Nians Schul-Nemesis tot aufgefunden wird, geraten beide unter Verdacht. Derek Tsangs jüngster Spielfilm ist ein wilder Ritt zwischen kühlem Polizeithriller und überschwänglicher Romantik. Ein Melodrama, das viel von den sozialen und privaten Kräften erzählt, die in der chinesischen Gegenwart an zwei jungen Leuten zerren.

Generation Kplus

2040
Australien
von Damon Gameau
Weltpremiere – Dokumentarische Form
außer Konkurrenz

Der preisgekrönte australische Regisseur Damon Gameau ist nach seinem dokumentarischen Langfilmdebüt „That Sugar Film“ (Generation 2015) zum zweiten Mal bei der Berlinale zu Gast. In seinem neuesten Werk begibt er sich auf eine weltumspannende Reise und geht angesichts der menschengemachten ökologischen Verwerfungen der Frage nach, wie eine lebenswerte Zukunft im Jahr 2040 aussehen könnte. Gestaltet in Form eines visuellen Briefs an seine vierjährige Tochter, verbindet Gameaus 2040 Elemente des klassischen Dokumentarfilms mit ausgefallenen Bildeffekten und nähert sich einem sonst vornehmlich in dystopischer Manier behandelten Thema auf optimistische, geradezu heitere Weise.

Cleo
Deutschland
von Erik Schmitt
Weltpremiere – Debütfilm

An der Zeit drehen und alles vergangene Unglück rückgängig machen: Cleos größter Wunsch rückt plötzlich in greifbare Nähe, als sie von einer Schatzkarte erfährt, die das Versteck einer magischen Uhr verrät. Gemeinsam mit Zufallsbekanntschaft Paul und zwei schrulligen Hobby-Schatzsuchern macht sie sich auf eine turbulente Reise durch die Zeiten und quer durch Berlin. Nach seinen Kurzfilmen „Nashorn im Galopp“ und „Berlin Metanoia“ (14plus 2013 und 2016) kehrt der Berliner Regisseur Erik Schmitt in gewohnt markantem Stil mit seinem Langfilmdebüt zurück ins Programm von Generation.

Driveways
USA
von Andrew Ahn
Weltpremiere

In dem unter anderem von Trudie Styler (Regie und Produktion Freak Show, Generation 14plus 2017), Celine Rattray (ebenfalls Produktion Freak Show) und James Schamus (Indignation, Panorama 2016) produzierten Film fährt der fast neunjährige Cody zusammen mit seiner Mutter zum Haus seiner verstorbenen Tante. Während sie das Haus der Schwester räumt, muss er sich die Zeit selbst vertreiben. Mit den Nachbarskindern kann der introvertierte Junge nicht viel anfangen. Doch mit dem mürrischen, 83-jährigen Ex-Militär Del von nebenan verbindet ihn bald eine ungewöhnliche Freundschaft, die in ihrer zwanglosen Leichtigkeit alle Aspekte des Lebens berührt. Am Ende steht eine neue Reise bevor.

Kokdu: A Story of Guardian Angels
Republik Korea
von Kim Tae Yong
Europäische Premiere

Nach „Man chu“ (Forum 2011) ist Regisseur Kim Tae Yong in diesem Jahr erstmals bei Generation vertreten. Sein jüngstes Werk, die filmische Adaption eines koreanischen Theaterstücks, entfaltet ein turbulentes Märchen der ganz anderen Art: Bei dem Versuch, die arglos gegen einen Welpen eingetauschten Schuhe ihrer sterbenden Großmutter zurückzubekommen, geraten die Geschwister Su-min und Dong-min unversehens selbst in das Reich des Todes. Begleitet werden sie von vier Kokdus – mythischen Wesen, die den Toten auf ihrem Weg ins Jenseits beistehen.

Månelyst i Flåklypa (Louis & Luca – Mission to the Moon)
Norwegen
von Rasmus A. Sivertsen
Internationale Premiere

Nach „Solan og Ludvig – Herfra til Flåklypa“ (Louis & Nolan – The Big Cheese Race, Generation Kplus 2016) sind die Elster Solan und der Igel Ludvig zurück bei Generation. Im jüngsten Werk des Animationsfilmers Rasmus A. Sivertsen wird eine norwegische Mission unter Leitung des genialen Erfinders Reodor zum Mond geschickt. Und was kann schon schiefgehen, wenn Solan als mutiger Astronaut mit von der Partie ist? Anscheinend ziemlich viel. Auf der turbulenten Reise werden blinde Passagiere entdeckt, geheime Pläne enthüllt – und nichts scheint zu funktionieren wie geplant.

Sune vs Sune
Schweden / Dänemark
von Jon Holmberg
Internationale Premiere – Debütfilm

Mit gezogenen Schwertern und mächtigen Laser-Kanonen zieht der zehnjährige Sune mit seinem jüngeren Bruder und seiner besten Freundin Sophie in epische Phantasieschlachten. Doch nach den Sommerferien erwarten ihn veränderte Realitäten: Ein neuer Mitschüler fordert ihn heraus, sein Name ist ebenfalls Sune. Mit viel Humor und schier unerschöpflichem Einfallsreichtum erzählt Regisseur Jon Holmberg in seinem Langfilmdebüt von Versagensängsten und allzu menschlichen Verhaltensweisen, sich diesen zu stellen.

Where We Belong
Schweiz
von Jacqueline Zünd
Weltpremiere – Dokumentarische Form

Für Alyssia und Ilaria ist jeder Abschied auch ein Wiedersehen. Eben noch an der italienischen Mittelmeerküste, stehen sie nun auf dem Parkplatz einer Esso-Tankstelle und warten, dass das Auto ihres Vaters um die Ecke biegt. Liebevoll sagen sie ihrer Mutter „Bis bald“. Denn die Eltern der Schwestern leben getrennt. So wie auch Carleton, Sherazade und Thomas haben die beiden einen Weg gefunden, damit umzugehen. Die Schweizer Dokumentarfilmerin Jacqueline Zünd nimmt sich viel Zeit für die Portraits fünf sehr unterschiedlicher Protagonist/innen, die vielleicht eher als die Erwachsenen verstanden haben, dass man, um Vater und Mutter zu sein, nicht zusammenleben muss.