Berlinale Generation 2018 – Spannungsfeld zwischen Realität und Imagination

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Ausgewählt aus weit über 2.000 Einreichungen, sind in diesem Jahr insgesamt 65 Lang- und Kurzfilme aus 39 Produktions- und Koproduktionsländern in die Wettbewerbe Generation Kplus und Generation 14plus eingeladen.

Ganz auf der Höhe ihrer Zeit bilden die Beiträge aktuelle politisch-gesellschaftliche sowie filmkünstlerische Entwicklungen ab und halten in ihrer inhaltlichen wie formalen Diversität einer komplexen, oft widersprüchlichen Welt schonungslos, doch stets interpretationsoffen den Spiegel vor. Im Spannungsfeld zwischen Realität und Imagination zeigen die FilmemacherInnen alternative Möglichkeiten auf und formulieren zugleich die Sehnsucht einer jungen Generation nach Verbindlichkeit neu.

Jeder einzelne Beitrag ist eine Einladung an das Publikum, sich dem Leben aus einer jugendlichen Perspektive zu nähern. Es sind Filme mit, nicht über junge Menschen. Beeindruckend ist dabei nicht nur der große Respekt, mit dem die Filmemacher*innen ihre Protagonist*innen porträtieren, sondern auch die Unmittelbarkeit und Intimität, mit der sie sich ihren ganz eigenen Weltansichten nähern“, kommentiert Sektionsleiterin Maryanne Redpath das diesjährige Programm.

Kurzfilme bei Generation

2018 präsentieren die Generation-Kurzfilmwettbewerbe Produktionen aus insgesamt 25 Ländern. In den drei Kplus-Kurzfilmprogrammen sowie den zwei 14plus-Programmen geht es um kleine und große Menschen und andere Lebewesen, um Liebe und das Verlangen nach Geborgenheit und um die ganz normalen Tragödien des täglichen Lebens. Außerdem werden die überwältigenden Möglichkeiten und unheimlichen Abgründe der digitalen Welt in den Blick genommen.

Eröffnungsfilme

In Anwesenheit von Regisseur Hans Weingartner (unter anderem „Das weiße Rauschen“ und „Die fetten Jahre sind vorbei“) und seines Casts eröffnet das Roadmovie „303“ den Wettbewerb von Generation 14plus im Haus der Kulturen der Welt. Eine Abenteuereise ganz anderer Art erzählt der Eröffnungsfilm für Generation Kplus, die rasante dänische Animation „Den utrolige historie om den kæmpestore pære“ („The Incredible Story of the Giant Pear“) von Philip Einstein Lipski, Amalie Næsby Fick und Jørgen Lerdam.

Ergänzend zu den bereits gemeldeten Filmen sind folgende Produktionen eingeladen:

Generation 14plus

„Adam“
Deutschland / Island / USA / Mexiko
von Maria Solrun
Weltpremiere

Nach ihrem Debütfilm „Jargo“ (Generation 14plus 2004) zeigt die isländische Regisseurin Maria Solrun zum zweiten Mal einen Langfilm bei Generation. Der gehörlose Adam und seine Mutter, die Technomusikerin ist, haben eigentlich schon immer in getrennten Welten gelebt. Und doch sind sie symbiotisch verbunden, ihre Musik geht ihm direkt durch den Körper. Als bei ihr eine irreversible Hirnschädigung durch Alkohol diagnostiziert wird, ist Adam plötzlich auf sich allein gestellt. Dem sehnlichen Todeswunsch seiner Mutter begegnet Adam auf eine ganz eigene, lakonische Art und Solrun gibt ihm seine Stimme und viel Raum sich zu entfalten.

„Dressage“
Iran
von Pooya Badkoobeh
Weltpremiere

Mehr aus Langeweile denn aus Habgier rauben Golsa und ihre FreundInnen einen Kiosk aus. Doch beim Auszählen der Beute stellen sie erschrocken fest, dass sie die Aufzeichnung der Überwachungskamera vergessen haben. Jemand muss an den Tatort zurückkehren und den Film holen. Die Wahl fällt auf Golsa, die den Auftrag mutig ausführt. Durch das Verhalten ihrer FreundInnen zum Nachdenken gebracht, versteckt sie die Festplatte an einem geheimen Ort. Doch ihre KomplizInnen und deren Familien aus der iranischen Oberschicht setzen Golsa aus Angst um ihr gesellschaftliches Ansehen zunehmend unter Druck. Radikal inszeniert Pooya Badkoobeh eine subtile Geschichte über Kontrolle, Erpressung und die Macht des Geldes, die den Verwerfungen in der iranischen Gesellschaft kompromisslos den Spiegel vorhält.

„Fortuna“
Schweiz / Belgien
von Germinal Roaux
Weltpremiere

Mitten im vom Schnee bedeckten Bergmassiv des Schweizer Simplonpasses faltet die 14-jährige Fortuna die Hände zum Gebet. Ihre Eltern hat sie seit der traumatischen Überquerung des Mittelmeeres nicht mehr gesehen. Wie viele andere Geflüchtete ist auch das Mädchen aus der Grenzregion zwischen Äthiopien und Eritrea in einem Bergkloster des Augustinerordens untergekommen. Das zerreißende Gefühl der Einsamkeit und die Sehnsucht nach Liebe wiegt Fortuna mit einem Geheimnis auf, von dem sie nicht einmal dem Vorsteher der Ordensbrüder – einfühlsam verkörpert von Bruno Ganz – erzählen kann. In ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Bildern lotet Regisseur Germinal Roaux die Grenzen der Nächstenliebe aus.

„Hendi & Hormoz“
Iran / Tschechische Republik
von Abbas Amini
Weltpremiere

Nach „Valderama“ (Generation 2016) ist der iranische Regisseur Abbas Amini mit seinem zweiten Langfilm bei Generation 14plus zu Gast. Hendi & Hormoz spielt auf der iranischen Insel Hormus im Persischen Golf, deren hämatithaltige Erde die Wellen blutrot färbt. Mit dem Versprechen, auf dem Tagebau anheuern zu dürfen, wird der 16-jährige Hormoz mit der drei Jahre jüngeren Hendi vermählt. Doch der auf mitreißende Weise von Hamed Alipour (Valderama) verkörperte junge Mann stößt auf verschlossene Türen. Als Hendi unerwartet schwanger wird, sieht sich Hormoz gezwungen, einen unheilvollen Pakt mit einem Schmuggler einzugehen. In farbenprächtigen Bildern schildert Amini den Existenzkampf zweier junger Menschen, die ihre Unbekümmertheit viel zu früh hinter sich lassen müssen.

„High Fantasy“
Südafrika
von Jenna Bass
Europäische Premiere

Nach „The Tunnel“ (Berlinale Shorts 2010) ist die 1986 in London geborene Berlinale Talents-Alumna Jenna Bass 2018 im Wettbewerb 14plus von Generation vertreten. Gefilmt ausschließlich mit den Smartphones der vier ProtagonistInnen in den Weiten der südafrikanischen Steppe, lässt Bass‘ zweiter Langfilm High Fantasy eine oft gehegte Vorstellung Wirklichkeit werden: im Körper eines anderen Menschen zu stecken. Als Lexi und ihren FreundInnen während eines Camping-Trips genau das widerfährt, entwickelt sich eine spannungsgeladene Dynamik zwischen den drei Frauen und Thami, dem einzigen Mann, aber auch zwischen der weißen Lexi und der schwarzen Xoli. Ein ebenso kluger wie bissiger Versuch über die unerbittliche Politik der Körper, der auch Jahrzehnte nach dem vermeintlichen Ende der Apartheid noch hochaktuell ist.

„Kissing Candice“
Irland / Großbritannien
von Aoife McArdle
Europäische Premiere

Die 17-jährige Candice hat eine lebhafte Phantasie. In den grell-drastischen Erfahrungswelten ihrer epileptischen Anfälle erscheint ihr ein junger Mann, in den sie sich verliebt und der ihr kurze Zeit später auch im echten Leben begegnet. Das ist nicht die einzige Aufregung in dem irischen Ort, in dem Ponys für die Jugendlichen genauso Statussymbole darstellen wie Autos. Ein Junge ist verschwunden und eine gewaltbereite Jungenclique schüchtert die BewohnerInnen ein. Candices Vater, ein Polizist, der sich nach den „good old days“ der „Troubles“ sehnt, ist mit dem Fall betraut. Vor der rauen Kulisse eines irischen Küstenorts inszeniert Regisseurin Aoife McArdle in ihrem Debütfilm ein hochästhetisches Chaos. Dass sie in der Vergangenheit hauptsächlich Musikvideos gedreht hat, ist dabei stets präsent.

„Retablo“
Peru / Deutschland / Norwegen
von Álvaro Delgado-Aparicio L.
Europäische Premiere

Der 14-jährige Segundo lebt mit den Eltern in einem Dorf hoch oben in den Bergen Perus. Sein Vater Noé ist ein angesehener Künstler und Segundos Vorbild. Er fertigt Altarretabel, kunstvoll verzierte Schreine für Kirchen- und Hausaltäre, und führt seinen Sohn in dieses Handwerk ein. Doch ihr enges Verhältnis hat Risse bekommen, denn Noé hütet ein dunkles Geheimnis. Schonungslos und in gesättigten Farben schaut der Film hinter die Fassade einer intakt wirkenden Dorfgemeinschaft, in der patriarchale Regeln und homophobe Ansichten mit unerbittlicher Gewalt durchgesetzt werden. Er entwirft das bildgewaltige Panorama einer Welt, in der ein junger Künstler seinen Platz sucht.

„What Walaa Wants“
Kanada / Dänemark
von Christy Garland
Weltpremiere

Das palästinensische Mädchen Walaa, deren Mutter als vermeintliche Attentäterin acht Jahre in einem israelischen Gefängnis verbracht hat, interessiert sich wenig für die Schule. Lieber möchte sie schnellstmöglich der Palästinensischen Autonomiebehörde beitreten, einer quasi-staatlichen Einrichtung, welche die palästinensischen Autonomiegebiete im Westjordanland und Gaza verwaltet. Wenn da nur nicht ihre Skepsis gegenüber jeglichen Autoritäten wäre. Über fünf Jahre hinweg, von ihrem 15. bis zu ihrem 20. Lebensjahr, begleitet Christy Garlands Dokumentarfilm die aufmüpfige Walaa. Stets auf Augenhöhe mit ihrer jungen Protagonistin zeichnet Garland ein intimes Portrait des rebellischen Mädchens, das teils unkontrolliert, aber hartnäckig für seinen Traum kämpft.

Generation Kplus

„Blue Wind Blows“
Japan
von Tetsuya Tomina
Weltpremiere

In seinem poetischen Langfilmdebüt folgt Regisseur Tetsuya Tomina dem schüchternen Ao, der mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester Kii auf der japanischen Insel Sado lebt. Der Vater ist vor kurzem spurlos verschwunden, viel gesprochen wird darüber jedoch nicht. So streunen Ao und Kii über die Insel und machen ihrem Unverständnis im Angesicht der Weiten des Meeres Luft. Schließlich findet Ao in der geheimnisvollen Sayoko eine Vertraute. Es bedarf nicht vieler Worte zwischen den beiden verträumten Kindern; sofort fühlen sie sich einander verbunden. Vor der eindrucksvollen Kulisse eines industriell geprägten Küstendorfes erzählt Tomina, der gleichzeitig das Drehbuch geschrieben hat, eine berührende Geschichte über Hoffnung, Verlust und Abschied.

„Ceres“
Belgien / Niederlande
von Janet van den Brand
Weltpremiere

In ihrem dokumentarischen Langfilmdebüt folgt die niederländische Regisseurin Janet van den Brand ihren vier jungen ProtagonistInnen durch einen landwirtschaftlich geprägten Alltag. Ferkel werden geboren, Kälber, Lämmer und Küken. Es wird gesät, gepflanzt und geerntet. Tiere werden geschlachtet. Die Kamera ist hautnah dabei, genauso wie Koen, Daan, Sven und Jeanine. Von klein auf helfen sie bei der Arbeit, lernen Verantwortung zu tragen und Abschied zu nehmen. Werden sie die Höfe ihrer Eltern einmal übernehmen? In dokumentarischen Bildern zeichnet van den Brand ein realistisches Bild vom Leben und der Arbeit in der Landwirtschaft, ohne falsche Romantik und doch voller Poesie.

„Cirkeline, Coco og det vilde næsehorn“ („Circleen, Coco And the Wild Rhinoceros“)
Dänemark
von Jannik Hastrup
Weltpremiere

Seit 1985 ist der dänische Altmeister der Animation, Jannik Hastrup, regelmäßig mit seinen Arbeiten in den Wettbewerben von Generation vertreten. In diesem Jahr stellt er bereits das vierte Leinwandabenteuer der streichholzschachtelgroßen Elfe Cirkeline vor. Wieder geht es auf Reisen, diesmal zusammen mit der Prinzessin Coco und einem launischen Baby-Nashorn. Die beiden wollen zurück in ihre Heimat, nach Afrika. Kurzerhand entscheiden Cirkeline und ihre Mäusefreunde, sie zu begleiten. Episodisch und in lebendig-farbenfrohen Bildern erzählt, zeigt Hastrup in seinem musikalischen Animationsfilm erneut auf, dass Reisen die Augen öffnen kann und nicht immer alles so sein muss, wie es auf den ersten Blick scheint.

„Los Bando“
Norwegen / Schweden
von Christian Lo
Internationale Premiere

„Los Bando Immortale“ nennt sich die Band der besten Freunde Axel und Grim, die dieses Jahr endlich bei der norwegischen Rock-Championship durchstarten wollen. Mit der neunjährigen Ausreißerin Thilda am Cello und dem minderjährigen Rallyefahrer Martin geht das Quartett auf einen turbulenten Roadtrip in den wilden Norden. Von der Polizei gejagt, von verrückten Verwandten verfolgt und mit bitteren Wahrheiten über das Leben und die Liebe konfrontiert, verfolgen die vier Freunde unbeirrt ihren gemeinsamen Traum. Nach „Bestevenner“ (2010) präsentiert der norwegische Regisseur Christian Lo seinen zweiten Langfilm im Wettbewerb Generation Kplus.

„Mochila de plomo“ („Packing Heavy“)
Argentinien
von Darío Mascambroni
Weltpremiere

Viel zu lange hat sich der zwölfjährige Tomás von den Erwachsenen vertrösten lassen, die um ihn herum ein Labyrinth des Schweigens, der Ausflüchte und Widersprüche errichtet haben. Aber heute ist der Tag der Wahrheit: Heute kommt der Mann aus dem Gefängnis, der seinen Vater getötet hat. Und Tomás ist vorbereitet. In seinem Rucksack steckt eine geladene Pistole. Rastlos und fest entschlossen, sich von den Halbwahrheiten der Erwachsenen zu befreien, zieht Tomás durch seinen Heimatort. Nach seinem Debüt „Primero enero“ (Generation Kplus 2017) demonstriert Darío Mascambroni erneut sein Talent für aufmerksam beobachtete Vater-Sohn-Geschichten, die er in atmosphärischen Bildern und mit großer Nähe zu seinen Protagonisten erzählt.

„Wang Zha de yuxue“ („Wangdrak’s Rain Boots“)

Volksrepublik China von Lhapal Gyal

Weltpremiere

Nach starkem Regen übersäen Pfützen und Matsch die Straßen des tibetanischen Bergdorfs. Gut für das Getreide, schlecht für den kleinen Wangdrak, der als einziger Junge im Dorf keine Gummistiefel besitzt. Während sein hart arbeitender Vater andere Sorgen hat, erfüllt Wangdraks Mutter ihm seinen Wunsch. Doch die neuen Schuhe bringen auch neue Probleme mit sich. Es beginnt ein Kampf gegen den blauen Himmel und für den Regen, den er an der Seite seiner treuen Freundin Lhamo ausficht. Eingebettet in die einzigartige tibetanische Berglandschaft zeigt Regisseur Lhapal Gyal in lebendigen Bildern eine von uralten Traditionen geprägte Kultur und schenkt den Träumen des Jungen liebevolle Aufmerksamkeit.