Das Programm des Filmfest München 2018 im Überblick

Filmfest München 2018 (Plakat)Das Leben im Jahr 2018 spielt sich für viele Menschen im Netz ab. Auf kleinen Bildschirmen werden die substanziellen Fragen verhandelt.

Auf dem 36. FILMFEST MÜNCHEN werden diese Themen auf die große Leinwand gebracht. Als Seismograph für gesellschaftlich relevante und politische Themen setzt das Filmfest neue Akzente und bietet eine Plattform für wichtige Diskussionen:

Die Kinolandschaft hat es heute nicht leicht. Streaming-Plattformen versorgen den Zuschauer mit hochwertigen Produktionen zu Hause im eigenen Wohnzimmer. Das kollektive Filmerlebnis droht verloren zu gehen. Deshalb werden Festivals als Ort der Begegnung und Plattform für Diskurse immer wichtiger“, so Filmfest-Leiterin Diana Iljine. „Wir finden Festivals nicht deshalb wichtig, weil wir eines machen, sondern wir machen ein Festival, weil sie – vielleicht mehr denn je – gebraucht werden. Denn das Kino als zentrales, bildmächtiges Medium richtet das Scheinwerferlicht auf schwelende Konflikte und gibt wichtige Denkanstöße.

In den Filmfest-Jurys sitzen in diesem Jahr sieben Frauen und acht Männer. Eine fast ausgeglichene Verteilung, die für einen Perspektivwechsel in der Branche stehen kann. Insgesamt zeigt das 36. FILMFEST MÜNCHEN 220 Filme. Darunter 185 aktuelle Filme aus 43 Ländern, 133 Deutschlandpremieren und 43 Weltpremieren.

Zwei CineMerit Awards, zwei Hommagen und eine Retrospektive

Neben der britischen Schauspielerin, Drehbuchautorin und zweifachen Oscar-Preisträgerin Emma Thompson wird auch der Filmemacher Terry Gilliam mit einem CineMerit Award ausgezeichnet. Als Mitbegründer der Komiker-Truppe Monty Python ist Gilliam bekannt für seinen anarchischen Humor. Das Filmfest zeigt nicht nur seinen neuen Film „The Man Who Killed Don Quixote“, den Abschlussfilm aus Cannes, in der Wettbewerbsreihe CineMasters, sondern widmet dem renommierten Experten für anti-realistisches Kino auch eine Hommage, in der „Die Ritter der Kokosnuss“ (1975), „Brazil“ (1985) und „Der König der Fischer“ (1991) gezeigt werden. Mit einer zweiten Hommage ehrt das FILMFEST MÜNCHEN Philip Gröning. Körper, Rebellion, Zeit: Neben seinem neuen Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ wird auch sein filmisches Frühwerk zu sehen sein. In einer Retrospektive präsentiert das Filmfest eine Werkschau von Lucrecia Martel. Die argentinische Filmemacherin wird in München neben ihrem neuen Film „Zama“, zu sehen in der Reihe CineMasters, auch weitere ihrer bahnbrechenden Filme persönlich vorstellen, wie etwa ihren Debütfilm „Der Morast“ (2000), der zum Gründungsklassiker des Neuen Argentinischen Kinos wurde. Darüber hinaus wird sie in einem Filmmakers Live Gespräch sowie in einer Masterclass an der HFF München dem Publikum für Fragen zur Verfügung stehen.

Einer weiteren Legende, die im Juli 100 Jahre alt geworden wäre, widmet das Filmfest besondere Aufmerksamkeit. Gleich drei Filme beschäftigen sich mit dem schwedischen Regisseur Ingmar Bergman: „Aus dem Leben der Marionetten“ von Ingmar Bergman selbst sowie „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ (Regie: Margarethe von Trotta) und „Bergman – A Year in a Life“ (Regie: Jane Magnusson).

Der weibliche Blick

Neben diesen beiden Filmemacherinnen sind weitere wichtige Regisseurinnen in den verschiedenen Sektionen vertreten, unter anderem auch in der CineMasters-Wettbewerbsreihe: die US-Amerikanerin Jennifer Fox mit ihrem komplexen Drama „The Tale“, die Italienerin Alice Rohrwacher mit ihrem Film „Glücklich wie Lazzaro“, der in Cannes den Großen Preis der Jury gewann und Lucrecia Martel mit „Zama“. Aber auch in den anderen Reihen, allen voran in den International Independents und im Neuen Deutschen Kino verhandeln besonders auch junge Regisseurinnen ihre Themen, unter anderem Crystal Moselle in „Skate Kitchen“, Anahí Berneri in „Alanis“ oder Eva Trobisch in „Alles ist gut“.

Big Brother oder Little Neighbor: Leben im Zeitalter der allgegenwärtigen Überwachung

Safari - Match Me If You Can (Filmszene)
Safari – Match Me If You Can – ©Filmfest München

Auch in diesem Jahr ist die Bandbreite der filmischen Sujets riesig. Dennoch spiegelt sich in vielen Filmen das aktuelle Weltgeschehen wider. Frustration, Emanzipation, Inspiration. Die Inspiration zu Stoffen, die im Idealfall die Welt verändern können oder zumindest zum Nachdenken anregen.

In vielen Filmen geht es um das Thema Überwachung und welche Konsequenzen sie auf Mensch und Gesellschaft hat. Ständige Überwachung ist eine globale Tatsache, die wohl oder übel praktisch jede und jeden betrifft, ob zentralisiert von staatlichen Sicherheitsbehörden oder durch soziale Kontrolle im eigenen Dorf. Auf den Punkt gebracht, wer ist der größere Feind: Big Brother oder Little Neighbor – oder das selbstinszenierte Ich?

Die Vielzahl möglicher Überwachungspraktiken inspiriert die Filmemacher/innen dabei zu unterschiedlichsten filmischen Darstellungsformen und Tonalitäten: So spielt sich Aneesh Chagantys Entführungssthriller „Searching“ beispielsweise komplett auf Computerbildschirmen ab und lässt zugleich in menschliche Abgründe blicken, während der chinesische Found-Footage-Film „Dragonfly Eyes“ von Bing Xu ausschließlich mit Bildmaterial von Überwachungskameras arbeitet. Indes wirft die schwarze Komödie „Wobble Palace“ von Eugene Kotlyarenko einen eher satirischen Blick auf die Welt des Online Dating. Auch im deutschen Beitrag „Safari – Match Me If You Can“ von Rudi Gaul geht es ums digitale Dating. „Birds without Feathers“ von Wendy McColm zeigt hingegen wie Isolation und Entfremdung durch Social Media noch intensiviert werden. Die Gefahren der Anonymität im Netz werden auch Linus de Paolis Thriller „A Young Man with High Potential“ thematisiert. „Eye on Juliet“ von Kim Nguyen illustriert die Absurdität von entmenschlichter Überwachung und verweist zugleich hoffnungsvoll auf menschliche Empathie. Der Abschlussfilm des Filmfests, „Anon“, greift das Thema Überwachung schließlich ebenfalls auf und untersucht das Leben in einer zunehmend virtuellen Welt. Regisseur Andrew Niccol wird bei der Deutschlandpremiere in München zu Gast sein.

Social Horror: Erzählungen aus einer dysfunktionalen Gesellschaft

Der Übergang von Überwachung zum ausgemachten Social Horror ist oftmals fließend. Das zeigen nicht zuletzt die Vertreter einer starken skandinavischen Genre-Fraktion beim diesjährigen FILMFEST MÜNCHEN. Vom allegorischen Plädoyer für Toleranz, über einen Hybrid aus Kammerspiel und Thriller bis hin zum humorvollen Westernmärchen, ziehen die drei skandinavischen Beiträge des Wettbewerbs CineVision sämtliche Register: „Border” (Regie: Ali Abbasi), „Lake Over Fire“ (Regie: Joern Utkilen) und „The Guilty“ (Regie: Gustav Möller).

Music makes the people come together!

Ein weiteres Schwerpunktthema ist dagegen etwas beschwingter: Es ist die Musik, die sich wie ein Leitmotiv quer durch alle Gattungen und Genres zieht. So handeln manche Filme von Musikern, wie etwa Jesse Peretz‘ „Juliet, Naked“, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nick Hornby. Zum anderen tummeln sich daneben Indie-Perlen wie etwa „The Song of Sway Lake“ von Ari Gold, worin eine wertvolle Schallplatte als Erbstück für Zwist sorgt. Zwei Dokumentationen, „It Must Schwing – The Blue Note Story“ von Eric Fiedler und Peter Azens „Black Wave“, beschäftigen sich mit großen und etwas kleineren Institutionen der Musikgeschichte, namentlich dem renommierten Jazz-Label Blue Note respektive der schwindenden Münchner Punk-Szene.
Auch beim Filmfest-Jugendevent „Das schönste Mädchen der Welt“ spielt Musik die erste Geige beziehungsweise den ersten Beat. Hinzukommen zahlreiche Musicals: vom Micro-Budget Hiphop-Film „My Name Is Myeisha“ über die italienische Gangster-Geschichte „Ammore e malavita“ von den Manetti Brothers bis hin zum Eröffnungsfilm „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ (Regie: Joachim A. Lang).

Weitere Infos auf www.filmfest-muenchen.de