Kurzinfo zum Film

Eine größere Welt – das ist es, was Corine entdeckt, als sie in der Mongolei während eines schamanischen Rituals in Trance fällt. Dabei war die Französin nur in die abgelegene Steppenregion gekommen, um im Rahmen ihrer Arbeit ethnographische Tonaufnahmen zu sammeln.

Fabienne Berthaud verfilmte die wahre Geschichte von Corine Sombrun, die diese im Buch „Mein Leben mit den Schamanen“ (Goldmann Verlag) verarbeitet hat.

Wie sind Sie auf das Thema zum Film gestoßen?

Regisseurin Fabienne Berthaud am Set von Eine grössere Welt.
Regisseurin Fabienne Berthaud am Set von Eine grössere Welt. – ©Nathalie Durand

Durch das Buch „Mein Leben mit den Schamanen“ von Corine Sombrun, das mir mein Produzent gab. Zum ersten Mal war nicht ich es, die das Thema wählte, sondern das Thema mich.

Das ist das erste Mal, dass Sie ein Buch verfilmt haben. Hat das Ihre Arbeitsweise beeinflusst?

Es war ein Balanceakt zwischen einer gewissen Interpretationsfreiheit, die es mir erlaubte, einen fiktionalen Film zu drehen und meinem Respekt vor Corine Sombruns Leben. Ich wollte Corine nicht übergehen – sie war daher stark in die Dreharbeiten involviert. Ich sprach mich oft mit ihr ab, um sicherzustellen, dass ich die richtige Herangehensweise verfolge. Ich wollte, dass sie mit der Art, wie ich ihre Geschichte erzähle, einverstanden ist. Es war ein durchaus persönlicher Prozess. Aber trotz der wahren Begebenheiten, auf denen der Film beruht, konnte ich meiner Arbeitsweise treu bleiben und fiktive Elemente mit dokumentarischem Realismus mischen.

Der Film wurde in der Mongolei gedreht. Wie sind Sie an ein solches Wagnis herangegangen?

Es erfordert ganz schön viel Organisation, in der mongolischen Steppe zu drehen. In einer unzugänglichen Region ohne Strom, fließend Wasser oder Internet muss man all seine Gewohnheiten hinter sich lassen – ein wahres Abenteuer! Wir lebten wie die Mongolen sehr ökologisch in einem vom Team organisierten Jurtenlager und nutzten Holzöfen zum Heizen. Das war eine wahre „Back to Nature”-Erfahrung. Das Team musste sich an die örtlichen Traditionen, die Bräuche und den vorherrschenden Glauben anpassen. Auch die mongolische Zeitwahrnehmung ist ganz anders als unsere: Fragt man einen Mongolen, ob man noch lange unterwegs sein wird, lautet die Antwort: „Vielleicht. Es ist nicht weit. Mach dir keine Sorgen, bisher sind wir immer angekommen.“ Die Mongolen möchten nichts versprechen, was sie nicht halten können. Wir mussten uns auf das Unerwartete einstellen. Zwei Wochen vor dem Dreh stiegen die Tsaatan, ein Volk von Rentierhirten, von den Bergen herab, um sich mit uns zu treffen. Wir mussten ihr Lager vorbereiten – unseren Haupt-Drehort. Geplant war, dass sie mit einem Teil der Familien und einigen Rentieren anreisen und die anderen zurückbleiben würden. Drei Tage vor Drehbeginn gab es immer noch keine Spur von ihnen und wir hatten keinerlei Möglichkeit, sie zu erreichen. Ohne sie konnte es aber keinen Film geben. Wir hätten alles über den Haufen werfen müssen. Und dann, eines Morgens, kamen sie doch. Das ganze Volk war mit angereist – mit zweihundert Rentieren und vierzig Neugeborenen. Es war fantastisch. Man muss lernen, auf den richtigen Moment zu warten und dann ergibt sich alles von selbst.

Wer sind die Tsaatan? Wie haben Sie sie getroffen?

Auf den Spuren von Corine Sombrun wollte ich in Richtung Norden bis zur sibirischen Grenze vorstoßen, um ein Volk zu treffen, das in einer der abgeschiedensten Regionen der Mongolei lebt. Die Tsaatan, ein Volk aus Rentierhirten, hatten Corine in den Schamanismus eingeweiht. Sie leben als Nomaden in Jurten oder Gers. Im Jahr vor dem Dreh ging ich mit Corine, Naraa (sie spielt die Übersetzerin) und meinem Koautor auf Erkundungstour. Zu dieser Jahreszeit hielten sich die Tsaatan in den Bergen auf, zwei Tage zu Pferd vom letzten mit dem Auto erreichbaren Dorf entfernt. Ähnlich einer Ethnologin teilte ich ihren Alltag, ihre Sitten und Bräuche und machte viele Fotos. Bei jedem meiner Filme ist die Fotografie untrennbar mit meinem kreativen Findungsprozess verbunden. Meine Herangehensweise fußt auf diesem dokumentarischen Material. Es hilft mir dabei, die Charaktere und Drehorte auszuwählen, die Farben aufeinander abzustimmen usw.

Während des Drehs haben die Tsaatan jeden Morgen als Erstes das Fotobuch durchgeblättert und darüber gelacht, dass sie sich darin selber sehen. Aber sie erfassten augenblicklich den Sinn der Szene, positionierten sich spontan und ließen sich nicht von der anwesenden Kamera stören.

Kümmern Sie sich immer um die Ausrichtung der Kamera?

Eine grössere Welt (Filmszene)
©Haut et Court, 3×7 Productions, Tel France, Scope Pictures

Ich kann nicht anders. Ich muss durch die Linse der Kamera blicken, um die Emotionalität einer Szene zu spüren. Ich drehe sehr organisch und rede während der Aufnahmen am Set mit den Schauspielern. Ich bewege mich permanent. Gemeinsam mit Nathalie Durand, meiner Kamerafrau und zuverlässigen Partnerin aus vorherigen Filmen, verwende ich immer zwei Kameras. Bevor wir eine Szene aufnehmen, orientieren wir uns an dem berüchtigten Fotobuch (mit Bildern, die wir während des Location-Scoutings aufgenommen haben). Es ersetzt das klassische Storyboard. Am Set müssen wir dann nicht weiter darüber reden, wo wir uns zueinander positionieren sollten. Nathalie ist meine Kamera-Schwester.

Es schien auf der Hand zu liegen, dass Cécile de France die Rolle der Corine Sombrun übernimmt. Wie haben Sie sie ausgewählt?

Abgesehen von ihrem schauspielerischen Talent hat Cécile eine wilde Seite. Sie handelt instinktiv, ist immer auf der Suche, neugierig und erpicht auf neue Erfahrungen. Sie ist eine ausgeglichene und souveräne Person, die fest im Leben steht und neue Abenteuer riskieren kann, ohne aus der Bahn geworfen zu werden. Sie hatte keine Angst vor dem Thema und war in der Lage, für einige Wochen abgeschnitten von der Welt mitten in der Steppe zu leben. Das kann nicht jeder.

Und die anderen Schauspieler?

Die einzige mongolische Schauspielerin im Film ist Tserendarizav, die die Schamanin Oyun spielt. Ich überredete sie, im Hinterzimmer eines Restaurants vorzusprechen. Sie hatte zuerst Bedenken, eine Schamanin zu spielen. Das ist keine triviale Sache für Mongolen. Es ist eine Verantwortung und bevor sie mein Angebot annahm, konsultierte sie die Geister, um sicherzugehen, dass ich das Thema respektvoll angehen würde.

Naraa, die Übersetzerin, ist niemand geringerer als diejenige Dolmetscherin, welche Corine Sombrun vor 18 Jahren begleitet hatte. Auch hier lag die Wahl auf der Hand. Naraa war stets am Set und übersetzte auch die Anweisungen, die ich den Schauspielern gab – wie eine Realität innerhalb einer anderen.

Eine Herausforderung des Films war die Umsetzung der Trancen und Visionen. Wie stellt man das Unsichtbare dar? Wie sieht die schwarze Welt der Schamanen aus? Wie visualisiert man die Visionen der Heldin?

Ich stellte mir eine fließende, monochrome, geisterhafte und mysteriöse Welt vor. Eine Welt, die eher sinnlich als figurativ ist. Ich wollte mit Texturen arbeiten; mit Schatten, Unschärfen und Verzerrungen realer Abbildungen. Dafür holte ich mir Inspiration vom armenischen Filmemacher Artawasd Peleschjan. Auch der Ton spielt eine maßgebliche Rolle im Film. Die akustischen Schwingungen der schamanischen Trommeln, die Atemgeräusche der Tiere und ihrer Hufe auf der Erde… Ich habe versucht, dem Zuschauer etwas Physisches zu vermitteln, ihn mehr spüren als zu sehen zu lassen. Ich habe nie versucht, etwas zu erklären. Vielleicht ist es das, was die unsichtbare Welt ausmacht.

Glauben Sie an Geister? An die dunkle Welt?

Eine grössere Welt (Filmszene)
©Haut et Court, 3×7 Productions, Tel France, Scope Pictures

Ich weiß noch immer so gut wie nichts darüber, habe mich aber dazu entschieden, daran zu glauben. In der Mongolei ist es schwierig, nicht daran zu glauben. Jeder glaubt an Geister – die Mongolen sind sehr erdverbundene, spirituelle Menschen und holen sich für jede wichtige Entscheidung zunächst die Zustimmung der Geister und der Natur.

Was uns angeht, so haben wir die Natur lange Zeit ohne Erlaubnis ausgebeutet. In der Mongolei konsultiert man einen Schamanen wie bei uns einen Arzt. Während meines ersten Erkundungstrips schlug jemand vor, an einer Zeremonie teilzunehmen, um herauszufinden, ob die Geister mit dem Filmprojekt einverstanden sind. Ein alter Schamane brachte uns in den Wald und die Antwort der Geister war – zum Glück – positiv!

Die Geschichte ist von Corine Sombruns Leben inspiriert. War sie in den Prozess des Filmemachens involviert?

Ja, sie war zu jeder Zeit auf die eine oder andere Art beteiligt: Als Ratgeberin beim Drehbuch, als technische Beraterin bei den Trance-Szenen, als Double für Oyun während der Zeremonien oder als Tseren-Geist im Wald. Man sieht sie zwar nie, aber sie ist überall – quasi die „Seele” des Films.

Das Ende des Films zeigt Corine Sombrun, wie sie die ersten wissenschaftlichen Forschungen über die Trance der mongolischen Schamanen auf den Weg bringt.

Seit ihrer Ausbildung in der Mongolei hat Corine viele Bücher über Schamanismus geschrieben und mit Wissenschaftlern sowie Psychiatern gesprochen, um herauszufinden, ob die Fähigkeit zur Trance dem Gehirn verloren gegangen ist. Aufgrund dieser Forschungen lässt sich der Zustand nicht länger nur als außergewöhnliche „Gabe“ begreifen, die den Schamanen vorbehalten ist. Die Trance schlummert als kognitives Potential in jedem von uns und kann geweckt werden. Verschiedene Forscher arbeiten aktuell mit Corine zusammen – zum einen, um den Mechanismus hinter diesem Zustand zu verstehen, zum anderen, um das Potential für therapeutische Zwecke zu nutzen.

Interview via MFA+ FilmDistribution

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Quelle: MFA+ FilmDistribution, FilmBizNews