Kurzinfo zum Film

Tommaso lebt mit seiner Frau Nikki und seiner dreijährigen Tochter in Rom. Für den amerikanischen Künstler, der stets nur den Ausnahmezustand kannte, ist das Familienleben wie das Atmen auf einem fremden Planeten. Vom Leben am Limit und dem unkonventionellen Hedonismus des Künstler-Egos wollte sich Tommaso lösen und als Ehemann und Vater glücklich werden. Doch die Reste seiner Vergangenheit leben in ihm weiter.

In der Einstiegsszene folgt die Kamera Tommaso fast dokumentarisch in seinem Alltag. Mit dem Hintergrundwissen, dass Sie und Ihr Hauptdarsteller beide in Rom leben, bekommt man das Gefühl, dass der fiktive Film der Realität sehr nahe kommt.

Tommaso und der Tanz der Geister (Filmszene)
©Peter Zeitlinger

Das Spiel mit Bezügen zu unseren Biografien war Teil des Konzepts, das wir gemeinsam entwickelten, und des Vergnügens beim Dreh. Willem und ich kennen uns nach sechs Filmen in- und auswendig. Der Film über den italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini, bei dem Willem die Hauptrolle spielte, hat uns sehr eng zusammengebracht. Wir leben heute beide in der Ewigen Stadt. Er hat eine Wohnung in der Nähe meines Apartments gekauft, er ist in der Nachbarschaft sehr beliebt und kennt viele Leute hier. Wir sind beide mit jüngeren Frauen liiert und ständig auf der Suche nach interessanten Figuren und außergewöhnlichen Geschichten.

Was hat Sie nach Rom gezogen?

Die Liebe zu meiner Frau Cristina Chiriac und die Arbeit. Als Filmemacher folge ich den Geschichten. 2005 verschlug es mich für den Dreh von MARY mit Juliette Binoche erstmals nach Rom. Der endgültige Umzug ist mir nicht schwer gefallen. Tief in meinem Herzen war ich schon lange ein Römer. Meine Familie stammt ja ursprünglich aus dem Süden Italiens, die Ewige Stadt war immer Teil meiner Seele und Identität. Außerdem konnte ich drei Filme in den vergangenen 20 Jahren in Italien finanzieren.

Wie viel Raum haben Sie Willem Dafoe für Improvisationen gelassen?

Es fällt mir schwer, diese Frage zu beantworten. Ich weiß nicht, wo das Improvisieren beginnt. Jedes Drehbuch ist ja das Resultat der Vorstellungskraft und des Improvisationsvermögens des Autors. Am Ende des Tages ist es aber nicht mehr als eine Ansammlung von beschriebenen Seiten, die nur durch die Kunst der Schauspieler zum Leben erwacht. Ich darf sie nicht einengen, zugleich muss ich die Geschichte verteidigen. In Willem habe ich bei der Suche nach dieser Balance einen guten Partner gefunden. Ihn interessieren weder das Budget noch seine Gage. Er kommt wegen des Films. Er ist stets völlig bei der Sache und stachelt alle an. Wir diskutieren jede Szene, und er ist nie beleidigt, wenn er sich mit seinen Vorstellungen nicht durchsetzt. Eigentlich suche ich immer Gründe, immer wieder mit ihm zu arbeiten.

Dafoe und Ihre Frau Cristina Chiriac spielen das Paar Tommaso und Nikki, dessen Liebe an den Belastungen nach der Geburt der gemeinsamen Tochter, gespielt von Ihrer eigenen Tochter Anna, zu scheitern droht. Wie weit liegen Fiktion und Realität beieinander?

Tommaso und der Tanz der Geister (Filmszene)
©Peter Zeitlinger

Nikki ist nicht Cristina und Tommaso nicht Willem. Etliche Parallelen zu unserem Leben will ich nicht abstreiten, aber die kulturellen Unterschiede zwischen den Partnern habe ich zugespitzt. Tommaso ist wie Willem und ich Amerikaner, Nikki ist Russin. Sie hat für die Beziehung im Gegensatz zu Cristina ihre Kultur und Muttersprache aufgegeben. Beide, Tommaso und Nikki, sind Raumschiffe in einem fremden Universum, in dem sie auf sich zurückgeworfen sind. Ihre Vorstellungen von Ehe und Elternsein klaffen signifikant auseinander, was zu Enttäuschungen und Frustration führt. Um die Beziehung zu retten, muss Tommaso akzeptieren, wie seine Frau tickt. All die Worte von der Liebe seines Lebens sind wertlos, wenn er nicht bereit ist, auf sie zuzugehen.

Die Veränderungen in einer Beziehung durch ein kleines Kind kennen Sie aus eigener Erfahrung.

Ich möchte die ersten Jahre mit meinen mittlerweile erwachsenen Töchtern trotz der Belastungen nicht missen. Auch meine zweite Familie ist für mich ein spätes Geschenk – vor allem meine kleine Tochter. Nach ihrer Geburt hat sich die Beziehung zu meiner Frau verändert. Kinder saugen ihre Eltern ja gerade in den ersten Jahren aus. Männern fällt es oft schwer, mit der emotionalen Belastung zurechtzukommen, dass sie nun Teil eines Triangels sind, in dem die Bedürfnisse aller ständig ausbalanciert werden müssen. Sie können aus dieser Konstellation unwahrscheinlich viel Glück und Befriedigung ziehen, oder sie verwandelt sich in einen Alptraum.

‚Wir sind in Alkohol und Drogen fast untergegangen‘, haben Sie Ihre Anfänge als Filmemacher selbst beschrieben. Es ist wohl kein Zufall, dass Sie aus Tommaso einen ehemaligen Abhängigen machen, der auf der Suche nach einem Halt ist?

Tommaso und der Tanz der Geister (Filmszene)
©Peter Zeitlinger

Ohne diese Krankheit ist Tommaso für mich nicht denkbar. Er ist auf einer Reise zu sich selbst, auf der die Überwindung seiner Drogensucht zu einem zentralen Thema wird. In den Treffen mit der Selbsthilfegruppe hilft er anderen Betroffenen, sich künstlerisch ihrer Sucht zu stellen. Er findet darin auch geistigen Halt.

Den Halt hat er – wie Sie auch – im Buddhismus gefunden. Warum lässt Sie auch in diesem Film die kritische Auseinandersetzung mit dem Katholizismus nicht los?

Willem hat mehrmals Figuren gespielt, die wie Jesus auf dem Passionsweg sind und bedingungslos ihrem Gewissen folgten. An diese Rollen knüpfen die Szenen an. Tommaso ist Willem, der als Schauspieler oder Regisseur leidenschaftlich nach seiner Form der Interpretation des Gottessohnes sucht. Zugleich spiegelt seine Suche meinen Weg wider. Ich wurde auf einer Reise nach Jerusalem zum Buddhisten, in der Religion fand ich meine innere Ruhe und Ausgeglichenheit. Die Gemeinsamkeiten zwischen den Weltreligionen sind für mich heute wichtiger als die Unterschiede, die viel zu sehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Interview via Neue Visionen Filmverleih

Zur Filmseite: Tommaso und der Tanz der Geister

Quelle: filmbiznews.de, Neue Visionen Filmverleih