Kurzinfo zum Film

Die Psychologin Selma (Golshifteh Farahani) hat einen wahnwitzigen Plan: Sie will in ihr Heimatland Tunesien zurückkehren, um dort eine Praxis für Psychotherapie zu eröffnen. Das Vorhaben der selbstbewussten Französin stößt erst einmal auf Skepsis und Widerstand – aber auch auf sehr großes Interesse.

Das Spielfilmdebüt der französischen Regisseurin Manele Labidi, ist eine Hommage an die Heimat ihrer Eltern. Mit einer ganz eigenen Handschrift erzählt Labidi die Geschichte einer Frau auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.

Bevor Sie mit AUF DER COUCH IN TUNI, ihren ersten Spielfilm, gedreht haben, arbeiteten Sie als Drehbuchautorin und Regisseurin im Theater-, Radio- und TV-Bereich. Warum wollten Sie nun Ihren eigenen Film fürs Kino drehen?

Regisseurin Manele Labidi.
Regisseurin Manele Labidi. – Foto: Prokino Filmverleih, Viviana Morizet

Filme waren immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Die Bilder, die Schauspieler, die Geschichten und die Energie im Kinosaal übten schon immer eine magische Faszination auf mich aus. Die Idee, aus dieser Faszination einen Beruf zu machen, kam allerdings erst spät bei mir auf. Als junger Mensch war in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, nicht einmal an eine künstlerische Karriere zu denken. Ich studierte daher erst einmal Wirtschafts- und Politikwissenschaften und bekam einen guten Job in einer Bank. Als ich begann, mir keine Sorgen mehr um meine materielle Sicherheit zu machen, spürte ich plötzlich eine große Leere. Während meines Studiums hatte ich bereits Texte und Drehbücher geschrieben, die ich nun wieder zur Hand nahm. Ich ließ mein bisheriges Leben hinter mir und fing noch einmal ganz von vorne an, indem ich mir das Filmemachen selbst beibrachte. Danach traf ich auf Schauspielerinnen wie Isabelle Carré, der ich glücklicherweise einige Monate assistieren durfte, als sie Regie bei einem Stück führte, das ich für das Theater adaptiert hatte. Die Zusammenarbeit mit ihr war ein Erweckungserlebnis.

Was war der Ausgangspunkt für Ihren Film AUF DER COUCH IN TUNIS?

Zum einen ein Gespräch mit meiner Mutter, in dem ich ihr gesagt habe, dass ich regelmäßig zu einem Psychologen gehe. Meine Mutter fühlte sich in gewisser Hinsicht hintergangen von mir: Wie konnte ich nur all diese privaten Dinge einem Fremden erzählen und dafür auch noch Geld bezahlen? Meine Mutter bat mir damals sogar an, die Rolle meiner Psychiaterin einzunehmen! Das zweite entscheidende Ereignis, das mich zu meinem Film AUF DER COUCH IN TUNIS inspirierte, war die tunesische Revolution 2011 und der Einfluss, den sie auf diejenigen Tunesier hatte, die ich in den Monaten danach traf. Tunesien ist mit seiner Landschaft, seinem Licht und seiner heterogenen Bevölkerungsstruktur für mich schon immer ein Ort gewesen, der starke filmische Geschichten hervorbringt. In diesem Land trifft die arabisch-muslimische auf die mediterrane Kultur.

Sie sind wie ihre Hauptfigur Selma im Film Halb Tunesierin, halb Französin.

Ich wuchs in einem Vorort von Paris auf und sprach zu Hause Arabisch. Bis in meine 20er hinein verbrachte ich im Jahr 2-3 Monate in Tunesien. Bis zu diesem Zeitpunkt haben mich sowohl die Tunesier, als auch die Franzosen immer spüren lassen, dass ich keine von ihnen bin. Dieser Eindruck, nirgendwo richtig dazu zu gehören, hat sich bei mir nach dem 11. September noch einmal verfestigt.

Ihr Film zeigt die tunesische Gesellschaft in all ihrer Lebhaftigkeit und gleichzeitig inmitten von großen kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen. Warum war es so wichtig für Sie, die Handlung von AUF DER COUCH IN TUNIS nach der tunesischen Revolution anzusetzen?

Auf der Couch in Tunis - Golshifteh Farahani als Selma.
©Prokino Filmverleih, Carole Bethuel

Nachdem die jahrzehntelange Diktatur plötzlich ihr Ende gefunden hatte, wurde das Land plötzlich „gesprächig“. Es sprudelte nur so aus den Leuten heraus – in den lebhaften Konversationen ging es unter anderem um die Zukunft Tunesiens, die sich abzeichnende ökonomische Krise und das Ausmaß des islamischen Extremismus. Ich verstand, dass die Revolution einen Einfluss auf die Psyche der Bevölkerung gehabt hatte. Das abrupte Ende der Diktatur ließ die Bewohner des Landes im Chaos und sehr verunsichert zurück. Die Monate nach der Revolution erinnern mich an die ersten Monate meiner Psychotherapie. Du fühlst dich verloren, du hinterfragst alles und musst immer wieder neue Kraft aus dieser selbst schöpfen. Auf einmal fallen viele Dinge um dich herum wie ein Kartenhaus zusammen. Aus diesem Gefühl heraus entstand die Idee, die Figur einer französisch-tunesischen Psychotherapeutin zu erschaffen, die durch ihre Arbeit einen entscheidenden Teil zu dem Wiederaufbau ihres Heimatlands beiträgt.

Wie haben Sie die Ereignisse rund um die tunesische Revolution damals wahrgenommen?

Wir haben alle eine Sehnsucht verspürt, irgendetwas vor Ort für die Leute zu tun. Aber letztendlich hat sich dieses Land seit vielen Jahren ohne uns weiter entwickelt. Daher erzählt AUF DER COUCH IN TUNIS von dem verrückten Plan einer jungen Frau, ihre Idee in einem Land zu verwirklichen, das sie eigentlich kaum kennt. Aber sie hat die Hoffnung, damit etwas in einem Land zu erreichen, das ihre Eltern einst unverrichteter Dinge verlassen mussten.

Den typischen „Ost-West-Kulturclash“ findet man in Ihrem Film nicht. Warum?

Es ist immer noch schwer, in Tunesien die Hilfe eines Psychologen in Anspruch zu nehmen. Der Bedarf an Psychotherapie ist seit der Revolution unter den Angehörigen der Mittel- und der Oberschicht gestiegen – ich wollte aber mit meinem Film nicht das Cliché einer im Westen sozialisierten Psychologin nähren, die sich gegen eine rückwärtsgewandte Gesellschaft durchsetzen muss. In AUF DER COUCH IN TUNIS liegt der Fokus auf einer jungen Frau und ihrer mutige Entscheidung, eine Praxis in einem Land zu eröffnen, das sich politisch, gesellschaftlich, politisch und verwaltungstechnisch neu erfinden muss.

Kennt man das Prinzip der Psychoanalyse in Tunesien überhaupt?

Auf der Couch in Tunis (Filmszene)
©Prokino Filmverleih, Carole Bethuel

Im Gegensatz zu Marokko gibt es in Tunesien keine Forschungseinrichtung, die sich mit Psychoanalyse beschäftigt. Aber das Interesse an Psychologie und Psychotherapie wächst. Der Bedarf ist vor allem seit der Revolution sehr gestiegen.

Haben Sie das Komödiengenre gewählt, um viele Dinge direkter ansprechen zu können, über die man in Tunesien lieber öffentlich schweigt?

Absolut, denn die Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte haben Tunesien vor allem mit Terrorismus, dem Islam und archaischen Männer- und Frauenbildern in Verbindung gebracht. Eine Komödie zu drehen, gab mir die Freiheit, ernste Themen mit mehr Distanz zu betrachten und auf eine weniger brachiale Art und Weise vor der Kamera zu verhandeln, als das oft in einer Tragödie der Fall ist. Außerdem spielt der Humor eine sehr wichtige Rolle in der tunesischen Kultur.

Welche Komödien haben Sie zu AUF DER COUCH IN TUNIS inspiriert?

Die italienischen Komödien der 1960er und 1970er Jahre waren eine wichtige Inspirationsquelle für mich, da es den Regisseuren damals gelang, soziale und politische Themen auf eine humorvolle, satirische Art und Weise darzustellen. Komödien wie „I soliti ignoti“ (Diebe haben’s schwer“, 1958) von Mario Monicelli oder „Matrimonio all’italiana“ („Hochzeit auf Italienisch“, 1964) von Vittorio De Sica sprühen nur so vor Vitalität, Lebensfreude und Energie – immer gepaart mit einer großen Menschlichkeit und Poesie.

Mit der Psychologin Selma haben Sie einen ungewöhnlichen Charakter geschaffen. Haben Sie in ihr Ihre eigenen Erfahrungen oder die Erfahrungen anderer Leute verarbeitet?

Selma ist nicht nur in diesem tunesischen Kontext eine außergewöhnliche Frau. Ich betrachte sie als eine Art „Cowgirl“: Schweigsam, einsam, mysteriös, voller Elan und weit davon entfernt, eine Familie oder einen Partner als ihre Bestimmung im Leben anzusehen. Ich wollte aus Selma aber auch nicht ein Symbol der befreiten arabischen Frau machen. Sie raucht lässig Zigarette und entschuldigt sich nicht ständig dafür, wer sie ist und wie sie lebt. Ihre Stärken sind ihre Offenheit und ihr Mut zu weitreichenden Lebensentscheidungen. Diese Charaktereigenschaften machen Selma zu einem freien Menschen. In AUF DER COUCH IN TUNIS geht es um Psychoanalyse: Trotzdem wollte ich meine Hauptfigur nicht analysieren. Man erfährt nur ein paar Details in Bezug auf Selmas Vergangenheit und ihr Verhältnis zu ihrer Familie und zum anderen Geschlecht. Jeder Zuschauer soll so die Möglichkeit bekommen, sich sein eigenes Bild von Selma zu machen – ganz wie ihre Patienten im Film. Darüber hinaus wollte ich mit Selma eine Figur erschaffen, die mein eigenes, widersprüchliches Verhältnis zu dem Heimatland meiner Eltern widerspiegelt. Meine persönlichen und beruflichen Entscheidungen führten dazu, dass mich meine tunesische Familie immer als eine sonderbare, ungewöhnliche, bisweilen verrückte Frau angesehen hat. In AUF DER COUCH IN TUNIS erzähle ich daher mit meinem ganz eigenen, französisch-tunesischen Blick auf das Land und seine Leute.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Golshifteh Farahani?

Auf der Couch in Tunis (Filmszene)
©Prokino Filmverleih, Carole Bethuel

Ich suchte für die Hauptrolle meines Films nach einer Schauspielerin, die viel Charisma besitzt. Golshifteh strahlt eine wahnsinnige Kraft auf der Leinwand aus. Ihre eigenen Lebenserfahrungen machten sie zu einer idealen Besetzung für Selma, weil sie sich in vielerlei Hinsicht mit dem decken, was ihre Figur in AUF DER COUCH IN TUNIS erlebt. Golshifteh ging sehr instinktiv und emotional an ihre Rolle heran. Es war ein großes Geschenk für mich, in meinem Erstlingsfilm mit so einer begabten Schauspielerin arbeiten zu dürfen.

In AUF DER COUCH IN TUNIS erlebt der Zuschauer neben Selma eine Vielzahl an sehr spannenden, unterschiedlichen Charakteren.

Ich wollte in meinem Film vor allem die tunesische Mittelschicht in den Vordergrund rücken. Denn sie ist am stärksten damit beschäftigt, eine Balance zwischen Tradition und Moderne für ihr tägliches Leben zu finden und verhält sich oft sehr heuchlerisch, wenn es um Sexualität und Religion geht. Die ärmeren Schichten versuchen in Tunesien einfach zu überleben, die Reichen hingegen führen meistens einen durch und durch westlichen Lebensstil. Die muslimische Religion spielt in AUF DER COUCH IN TUNIS keine Hauptrolle, sondern ist lediglich als strukturgebendes Element im Leben meiner Figuren wichtig. Sie sind eine Mischung aus echten und fiktionalen Personen – denn ich wollte unter keinen Umständen ein soziologisches Konstrukt in meinem Film entwerfen, durch das die Dinge allzu vereinfacht dargestellt werden: Autoritärer Vater, arme Mutter und so weiter. Daher findet man in AUF DER COUCH IN TUNIS sowohl einen jungen, aufgeschlossenen Imam, einen Polizisten, der sich nicht korrumpieren lässt, die Figur Raouf, die verwirrt ist über ihre sexuelle Ausrichtung und einen Vater, für den der schulische Erfolg seiner Tochter alles bedeutet. Alle Charaktere in meinem Film sind geprägt durch ihre inneren Widersprüche, ihre Moral, ihr Zwänge, ihre kleinen Schwächen. Eine gewisse Melancholie schwebt über ihrem Leben – sie macht die Figuren menschlich, vielschichtig und universell.

Der Film endet optimistisch für Selma und für die Menschen um sie herum. Spiegelt dieses offene Ende Ihre eigene Sicht auf die Entwicklungen in Tunesien wider?

Ja. Einige Dinge haben sich seit dem Ende der Revolution zum Positiven entwickelt, andere weniger. Aber die Tunesier sind intelligent genug, ihre Freiheit und ihre Einzigartigkeit in der arabischen Welt zu verteidigen. Ich sehe daher einer sehr positiven Zukunft für Tunesien entgegen.

Interview via Prokino Filmverleih

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Quelle: Prokino Filmverleih