Kurzinfo zum Film

Familie Schalckwyck lebt in einem wohlhabenden Bezirk Berlins, Mutter Krista und Vater Michael wollen ihren Kindern Karl und Anna alle Möglichkeiten bieten. Die Zwillinge stehen kurz vor dem Abitur. Während die ambitionierte Anna schon ziemlich genau weiß, wie ihr Leben verlaufen soll, widmet Karl lieber seine ganze Aufmerksamkeit seinem Blog „The language of many others“. Dort postet er unter anderem auch persönliche Aufnahmen seiner eigenen Familie, was Karls Verhältnis zu seinem Vater vor eine Zerreißprobe stellt.

Als Karl sich in seine neue Mitschülerin Doro verliebt, glaubt er endlich zu wissen, was er will. Auch Doro findet Gefallen an ihrem eigensinnigen und rebellischen Mitschüler, lässt ihn jedoch nach einer kurzen Affäre wieder fallen. Für Karl ist jetzt klar: Nichts ist wahrhaftig, alles ist Willkür. Desillusioniert beginnt er ein gefährliches Spiel. Er veröffentlicht ein intimes Video von sich und Doro, und lässt mehr und mehr seine Follower die Macht über sein Leben übernehmen – am Ende sogar über Leben und Tod…

LOMO – THE LANGUAGE OF MANY OTHERS ist das Spielfilmdebüt von Julia Langhof, die das Buch gemeinsam mit Thomas Gerhold schrieb.

Wie bist du zu der Geschichte gekommen? Was war der Ausgangspunkt?

Lomo - The Language Of Many Others (Filmszene)
©Flare Film GmbH, Michal Grabowski

Das ist tatsächlich schon lange her! 2009, als ich an der Berliner Filmhochschule DFFB studiert habe, war ich in einem Seminar mit dem ungarischen Regisseur Béla Tarr, der uns die Aufgabe gestellt hat, die Odyssee von Homer in drei Monaten zu verfilmen. Das war natürlich nicht machbar, aber ich habe es als Herausforderung gemocht. Zu dem Seminar ist es dann letztendlich leider nie gekommen, weil Bela Tarr „The Turin Horse“ gedreht hat, aber die Idee hat mich nicht mehr losgelassen. Ich fragte mich, was es bedeuten würde, wenn man die Odyssee in die Gegenwart übersetzen würde, davon ausgehend, dass Odysseus damals eine Art Pionier war. Im Sinne einer neuen Zeit oder eines neuen Bewusstseins, indem er sein Schicksal nicht mehr den Göttern überlassen, sondern es selbst in die Hand genommen hat.

In meiner Suche nach einer „Übersetzung“ hat sich dann einfach das Internet aufgedrängt. Informationstechnologien haben immer in Verbindung mit Wendepunkten in unserer Geschichte gestanden, wie z.B. die Eisenbahn oder der Buchdruck. Das Internet hat ja vermutlich den größten Umbruch in der Gesellschaft der modernen Neuzeit hervorgebracht, das hatte sich damals schon abgezeichnet und ist heute noch extremer geworden. Im Speziellen für die Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Auf eine Art sind diese Jugendlichen also auch so etwas wie Pioniere, auch wenn sie vielleicht auch erst mal gegen die Wand rennen.

Wie würdest du deine Hauptfigur und seine Reise beschreiben?

Anders als Odysseus glaubt Karl nicht daran, dass er selbst sein Schicksal bestimmen kann. Wie jeder Teenager ist er auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. Seine Eltern sind kein Vorbild für ihn.

Das ist erst mal nichts Neues. Viele Teenager durchleben diese existenzielle Krise, und es gibt auch schon die entsprechenden Filme dazu. Neu ist aber, dass mein Protagonist sich durch das Netz gefühlt mit 7 Milliarden Menschen messen muss. Individualität ist Massenware geworden, es scheint alles schon zu geben. Das erhöht den Druck ungemein. Die Frustration über seine Eltern und sein Leben im Allgemeinen verarbeitet er in seinem Blog „The Language of Many Others. Als Karl sich zum ersten Mal verliebt, glaubt er endlich zu wissen, was er will. Aber als er darin enttäuscht wird, zieht er den Schluss: alles ist Willkür und daher ohne Bedeutung.

Karl muss lernen, egal wie unbedeutend er sich auch fühlen mag, Verantwortung für sich und sein Handeln zu tragen. Er muss sich selbst Bedeutung geben. Mit anderen Worten: Er muss erwachsen werden, in einer neuen Zeit, in dieser Zeit.

Was war die größte Herausforderung bei diesem Film?

Das Internet zu visualisieren ist filmisch gesehen erst mal ein Problem, weil die Geschichte ja nicht über Grafiken und Texte erzählt werden soll, sondern über bewegte Bilder. Mein Kameramann Michal Grabowski und ich wollten von Anfang an, dass die digitale Welt sinnlich und emotional ist. Sie sollte ein Teil der Filmrealität sein, Teil von Karls Innenleben, mit der er im Laufe des Films immer mehr verschmilzt. Also hatten wir uns vorgenommen, keine Computerbildschirme oder Handydisplays zu zeigen – alles Digitale sollte sich so haptisch und analog wie möglich anfühlen. Das war die Herausforderung. Darum haben wir im Vorfeld bereits zwei Kurzfilme gemacht, um einige Ideen zu testen, quasi als „proof of concept“. In Vorbereitung dessen haben wir einige wilde Experimente gemacht um z.B. analoge Pixel zu erzeugen. Wir haben gefettete und zerkratzte Folien vor die Linse gehalten oder bei sich bewegender Kamera durch Gitterdraht verschiedenster Maschen, Dichte und Farben gefilmt. Wir haben den Film stark verkleinert mit einer Mikrooptik abgefilmt und wieder vielfach vergrößert aufgeblasen und erneut durch Folien abgefilmt. Das hatte richtigen Labor-Charakter! Zu Drehbeginn mussten wir dann allerdings genau wissen was wir tun, da gab es keinen Spielraum mehr für Experimente.

Welche Herausforderungen gab es beim Schreibprozess für das Drehbuch?

Eine große Herausforderung für mich und meinen Koautor Thomas Gerhold war unsere Hauptfigur. Karl ist als Teenager mit Weltschmerz eine passive Figur und im Grunde die ganze Zeit Spielball seines Umfelds. Er entscheidet oder handelt selten selbst. Das war für uns sehr wichtig, es ist der Ausgangspunkt und Teil der Grundproblematik der Geschichte. Für eine Hauptfigur ist das aber sehr ungewöhnlich, da sie meist Motor für die Erzählung ist.

Eine andere Herausforderung war die Schnelligkeit, mit der sich die gesellschaftliche Wahrnehmung des Internets, der sozialen Medien während der Arbeit am Drehbuch verändert hat. Das heißt, während wir die Geschichte geschrieben haben, hat sich die Einstellung dazu geändert, weil sich die Technik weiterentwickelt hat. Ein Beispiel: Als wir im Drehbuch geschrieben haben, dass Karl beginnt, sein Leben live ins Netz zu streamen, war das noch nicht möglich, mobile Daten waren zu teuer und es gab keine Anwendungen dafür. Als der Film rauskam, war es dann schon völlig normal.

Die männliche Hauptrolle Karl wird von Jonas Dassler gespielt, der gerade u.a. für LOMO – THE LANGUAGE OF MANY OTHERS mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Wie sind Sie auf den Newcomer aufmerksam geworden?

Lomo - The Language Of Many Others (Filmszene)
©Flare Film GmbH, Michal Grabowski

Er wurde mir von einem befreundeten Produzenten, der mit der Produktion des Debütfilms „Uns geht es gut“ von Henri Steinmetz zu tun hatte, empfohlen. Der Film war aber noch nicht fertiggestellt, es gab also noch nichts zu sehen und Jonas hatte auch kein Demoband oder Ähnliches. Ich lud ihn aber trotzdem zum Casting ein. Er war beim Casting in einer Gruppe von Schauspielern, die ich alle irgendwie spannend fand, die aber eigentlich überhaupt nicht zu meiner Vorstellung von dem Film passten. Witzigerweise haben wir am Ende wirklich alle aus dieser Gruppe besetzt! Ich musste also vor allem an meiner Vorstellung – und später dann weiter an dem Drehbuch arbeiten, damit alles zusammen passte.

Wie war die Zusammenarbeit mit Jonas Dassler und wie haben Sie das Zusammenspiel des Casts erlebt?

Ich habe mit allen Schauspielern großes Glück gehabt. Mit den bereits erfahrenen Peter Jordan und Marie-Lou Sellem hatte ich oft gar nicht so sehr das Gefühl, dass ich arbeite, sondern eher, dass ich zuschaue und lerne. Jeder Schauspieler arbeitet ja anders und eine meiner Hauptaufgaben wurde es, herauszufinden wer wie arbeitet und was dafür von mir gebraucht wird. Teilweise musste ich auch die eigenen Vorstellungen dafür relativ schnell über Bord werfen. Sonst bremst man sich gegenseitig aus und verhindert, dass etwas Tolles, Unvorhergesehenes passiert, was ja eigentlich immer die schönsten Momente sind.

Jonas hat sich da großartig eingefügt. Ich habe ihm zwei Bücher zum Lesen gegeben, „Caligula“ von Camus und „Reise im Mondlicht“ von Antal Szerb. Beides hat mich beim Entwickeln von Karls Figur inspiriert. In gewissen Situationen beim Drehen haben wir uns dann auf diese Bücher bezogen. „Das ist jetzt so ein Caligula-Moment“ – und Jonas wusste genau, was ich meinte. Das mag jetzt so klingen, als würde sich Jonas intellektuell eine Rolle erarbeiten und das stimmt z.T. auch, aber zum Glück ist auch genau das Gegenteil der Fall! Jonas achtet wahnsinnig gut auf seine Spielpartner, er kann unheimlich gut reagieren. Er hat die große Gabe, sich immer wieder aufs Neue in eine Szene zu begeben, als wüsste er selber nicht, wie sie ausgehen wird – und das mit einer beneidenswerten Leichtigkeit, die sich andere hart erarbeiten müssen.

In ihrem Film begegnen Sie Jugendlichen auf einer Augenhöhe und dennoch ist es für Erwachsene möglich in die Gefühlswelt der Jugendlichen einzutauchen. Sie haben sich mit viel Feingefühl und tiefsinnigem Humor mit der aktuellen Problematik und des Umgangs mit den sozialen Medien auseinandergesetzt. Der Schüler Karl verliert sich in der Virtualität seines Blogs nebst Followern. Er überschreitet gesetzliche als auch privatrechtliche Grenzen, ihm entgleitet letztendlich jede Kontrolle und er muss dafür die Konsequenzen tragen. Sehen Sie sich in der Rolle der Aufklärung gesellschaftlicher Tendenzen?

Nein, ich sehe mich nicht wirklich in der Rolle der großen Aufklärerin, das ist ja mein erster Spielfilm. Man muss auch sagen, dass ich mich ja wirklich schon seit 2009 mit dem Thema beschäftige – seitdem hat sich ja auch viel getan! In frühen Drehbuchfassungen wurden wir manchmal gefragt, wie realistisch das mit den Followern ist, heute kann jeder via Facebook Live sein Leben streamen. Aber ja, gesellschaftliche Tendenzen interessieren mich sehr, auch bei meinem nächsten Projekt, welches in der forensischen Psychiatrie spielt und sich mit offener und geschlossener Gesellschaft auseinandersetzt, würde ich sagen, geht es hauptsächlich um das „warum“, auch wenn es anfänglich schwierig ist, genau seinen Finger darauf zu legen. Es fließt ja sehr viel Lebenszeit, nicht nur von mir, sondern auch von anderen Menschen in so ein Projekt. Und dann hoffentlich auch etwas Lebenszeit des Zuschauers! Wenn mir der Film oder sein Anliegen nicht selber unter den Nägeln brennt, wie kann ich das dann jemand anderem antun? Dazu gehört auch, alle Figuren sehr ernst zu nehmen, selbst wenn sie noch so absurde oder unsympathische Dinge tun. Wenn es dann gelingt, sich mit allen ein Stück weit zu identifizieren, entsteht der Humor meistens von alleine, weil wir Menschen einfach merkwürdig sind.

Interview via farbfilm verleih

Zur Filmseite: Lomo – The Language Of Many Others

Kurzinfo Julia Langhof

Julia Langhof wird 1981 in Berlin geboren. Nach dem Abitur lebt sie von 2001 – 2003 in New York und studiert Schauspiel am Neighborhood Playhouse School of the Theatre. Nach Beendigung ihres Studiums in New York zieht sie zurück nach Berlin und arbeitet als Regieassistentin am Theater. 2006 beginnt sie ihr Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Ihre Kurzfilme laufen seither auf zahlreichen Festivals im In- und Ausland, z. B. auf den Hofer Filmtagen oder den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. 2015 dreht sie ihren ersten Kinofilm LOMO – THE LANGUAGE OF MANY OTHERS, für den sie auch das Drehbuch schrieb.

Text via farbfilm verleih