Kurzinfo zum Film

RUSSLAND VON OBEN des preisgekrönten Dokumentarfilmer-Paars Petra Höfer & Freddie Röckenhaus zeigt menschenleere Landschaften und Millionenmetropolen, wilde Tiere, Wüsten, Wälder und Wasserfälle, begleitet die legendäre Transsibirische Eisenbahn von den Sümpfen Sibiriens über Nowosibirsk bis nach Wladiwostok, gewährt einen einzigartigen Blick auf den Baikalsee und das Wolgadelta, das größte Flussdelta Europas, in dem 10 Millionen Vögel überwintern.

RUSSLAND VON OBEN lief als Fünfteiler im Fernsehen und war mit mehr als 30 Millionen Zuschauer*innen die erfolgreichste Dokumentar-TV-Serie seit Erhebung der Einschaltquoten.

Was hat Sie zu diesem besonderen Film über Russland inspiriert?

Russland von oben - Blick auf den wolkenverhangenen Himmel über der Küste von Dagestan am Kaspischen Meer
Blick auf den wolkenverhangenen Himmel über der Küste von Dagestan am Kaspischen Meer. – ©ZDF, Peter Thompson

Wir haben mit unseren sehr erfolgreichen „Deutschland von oben“-Filmen, und auch schon davor, sehr viel Erfahrungen mit dem Erzählen von Geschichten mit Luftbildern gesammelt. Luftbilder sind eine sehr spezielle Sache. Wir wissen darüber inzwischen sehr viel. Wir haben dann für unsere „Zugvögel“-Filme in Sankt Petersburg, am Ladoga-See und auf der Insel Kolguev in der Barentssee in der Arktis gedreht. Und wir wussten: Russland muss man auf die Weise zeigen, wie die Vögel das Land sehen: Aus der Luft. Wir haben dann festgetsellt, dass das noch nie zuvor gemacht wurde. Allein durch die Größe des Landes ist das ein fast unvorstellbares Unterfangen. Aber wir hatten keinen Zweifel, dass es ein wunderbarer Film werden würde.

Wie wurde Ihr Film in Russland wahrgenommen?

Bisher haben wir nur positives Feedback. Natürlich haben auch die meisten Russen ihr eigenes Land noch nie aus der Vogelperspektive gesehen. Sie wissen gar nicht, wie vielfältig und majestätisch schön es ist. Bei der Produktion zu „Deutschland von oben“ haben wir ähnliche Erfahrungen gemacht: Es ist eine völlig andere Perspektive, wenn man sein eigenes Land, sogar die eigene Nachbarschaft, von oben betrachtet. Man erkennt nicht mal das eigene Haus oder den eigenen Garten. Die russischen Zuschauer, die den Film in Moskau schon vorab sehen konnten, haben mir versichert, dass wir ihr Land mit großem Respekt und Einfühlungsvermögen auf die Leinwand gebracht haben. Das ist ein sehr großes und wichtiges Kompliment für uns. Russland hat eine enorme Vielfalt an Natur und Kultur zu bieten. Es ist an der Zeit, mehr darüber zu erfahren. Ich denke, dass dieser Film dazu beitragen kann, sich gegenseitig besser zu verstehen.

Was waren die Herausforderungen bei der Herstellung dieses Films?

Die größte Herausforderung für die Filmcrew war schlicht die unglaubliche, immense Weite Russlands. Aber wir haben es geschafft – wir haben im Altai gedreht, entlang der Beringstraße, nur 80 Kilometer von Alaska entfernt, wir haben im Kaukasus gedreht, wo die politische Situation an einigen Grenzen nicht als völlig sicher gilt und die Behörden befürchteten, wir könnten Ziel einiger gewalttätiger, vielleicht sogar terroristischer Anschläge werden. Die Wrangel-Insel im Polarmeer oder Kolguev in der Barentssee sind mit keinem regulären Transportmittel erreichbar. Viele Orte im abgelegenen Russland sind nur durch Flugzeuge oder Hubschrauberdienste verbunden. Manchmal sind es 600 oder mehr Kilometer bis zum nächsten Flughafen, Bahnhof oder zumindest bis zu einem Feldweg. Bedenken mussten wir natürlich auch die Wetterbedingungen. Man könnte zum Beispiel annehmen, dass der Sommer die perfekte Jahreszeit wäre, um die Tierwelt im endlosen Sibirien zu filmen, aber dann hätten die Mückenschwärme während der Sommersaison die Objektive der Luftbildkameras verdreckt. Die Zeitfenster für bestimmte Aufnahmen waren also oft sehr eng, nicht nur durch Stürme und die Kälte, sondern auch durch die Lichtbedingungen. In einem großen Teil Russlands hätten Filmaufnahmen wegen des fehlenden Tageslichts in der Winterzeit keinen Sinn ergeben.

Wie schwierig war es, an die Drehorte zu gelangen?

Russland von oben - Im Vordergrund die schneebedeckte Hafeneinfahrt der russischen Stadt Tiksi. Im Hintergrund die Stadt an der Lena-Mündung.
Im Vordergrund die schneebedeckte Hafeneinfahrt der russischen Stadt Tiksi. Im Hintergrund die Stadt an der Lena-Mündung. – ©ZDF, Colourfield, Igor Vokkov

Enorm aufwändig. Die gedrehten Locations haben zum allergrößten Teil gar keine touristische Infrastruktur. Allein ein Dreh auf der Arktis-Insel Wrangel kostete an die 100.000 Euro, um dort auch nur hinzukommen. Man braucht eine Spezialgenehmigung – wie in allen Grenzgebieten Russlands. Ganz Wrangel hat neun Zimmer für Wissenschaftler und Besucher, die nicht zur Inselbesatzung gehören. Sehr ähnlich ist die Situation mit vielen der extrem entlegenen Drehorte. Es gibt keine Anreisemöglichkeiten, keine Straßen, keine Hotels oder Fremdenzimmer – dafür aber ganz viel Wildnis. Wir haben uns zu 80 Prozent in Gegenden aufgehalten, die so entlegen sind, dass man dort mit normalen Verkehrsmitteln nicht hinkommt. Für unsere Hubschrauber haben wir teilweise den Sprit mit Hundeschlitten in Depots bringen lassen. In diesen Gegenden kann man keine Ferien machen. Tourismus in größerem Maßstab gibt es in Russland ausschließlich in Moskau, Petersburg oder in Sotschi am Schwarzen Meer.

Wann kam das Russische Unternehmen Gazprom an Bord?

Wir haben Gazprom-Verantwortlichen unseren Dokumentarfilm DEUTSCHLAND VON OBEN gezeigt und gesagt, dass wir einen ähnlichen Film über Russland machen wollen. Sie antworteten recht schnell mit: „Toll! Kommt her!“ So kam es zu der ungewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen ZDF, ARTE und Gazprom-media. colour-FIELD erhielt dadurch Flug- und Drehgenehmigungen, die sonst nur sehr eingeschränkt vergeben werden. Einige Genehmigungen wurden uns sogar überhaupt zum ersten Mal erteilt. Wir drehten in Jamal, auf Eisbrechern und in normalerweise gesperrten Industriegebieten wie Norilsk, Mirny oder im Hafen von Murmansk. Manchmal dauerte es eine Weile, bis wir Genehmigungen vom FSB bekamen, dem Geheimdienst Russlands, der für alle Grenzregionen zuständig ist, oder von anderen Verwaltungen, aber letztlich hat es geklappt. Vor allem für Tschukotka war das schwierig, aber am Ende konnten wir an jedem Ort filmen, den wir auf unserer Wunschliste hatten. Und es wurden uns tatsächlich kein einziges Mal Aufpasser an die Seite gestellt.

Welche Landschaften haben Sie in Russland am meisten beeindruckt?

Kamtschatka ist atemberaubend schön. Nach den tiefsten Regionen des Amazonas ist dies vielleicht der wildeste Ort, an dem ich je gewesen bin. Und von all’ den Städten, die wir besucht haben, würde ich wahrscheinlich Kasan wählen. Obwohl Moskau und Sankt Petersburg natürlich auch besonders sind. Was einen persönlichen Lieblingsort betrifft, so ist das wahrscheinlich das Wolga-Delta, das im Sommer und Herbst Lebensraum für schätzungsweise 10 Millionen Vögel ist. Und wer kann schon den Eisbären und ihren Jungen auf der Insel Wrangel oder an der Küste von Tschukotka am Polarmeer widerstehen? Oder den Seelöwen auf der kleinen Insel Tiulenyi, in der Nähe von Sachalin, nicht weit weg von Japan? Auch die gesamte Küste des Ochotskischen Meeres, von Magadan bis zur Mündung des Amur, ist einfach nur wunderschön.

Was können Sie uns über den Soundtrack zu Russland von oben sagen?

Russland von oben - Großer, roter Eisbrecher auf einer schneebedeckten Eisfläche im Nordpolarmeer. Im Hintergrund zwei kleine Schiffe und blauer Winterhimmel.
©ZDF, Colourfield, Anton Elchaninov

Die Musiken sind für den Film von Boris Salchow komponiert und produziert worden und später vom Budapest Art Symphonieorchester nochmal mit klassischen Instrumenten eingespielt worden. Boris hat auch schon den Score für „Deutschland von oben“ geschrieben. Er kommt aus Hamburg, lebt aber seit vielen Jahren in Los Angeles, genau genommen wirklich im Stadtteil Hollywood. Boris arbeitet auch mit Hans Zimmer zusammen, also dem deutschen Super-Komponisten von Hollywood. Boris hat einen Sound getroffen, der die Eigenheiten der russischen Landschaften tonal wunderschön weitererzählt. Das klingt oft gewaltig, weil die Landschaften einfach diese Wucht und Größe haben, aber oft ist es auch sehr zart. Ich liebe die Musiken. Ich hör sie mir, auch nach all den Stunden im Schnitt, noch immer gerne im Auto an. Wenn ich die Singschwäne-Musik höre, die wir für das Wolga-Delta benutzen, kommen mir noch immer ziemlich regelmäßig die Tränen, so schön ist die.

Sie haben während der Produktion völlig unerwartet Ihre Ehefrau und langjährige Co-Autorin Petra Höfer verloren. Wie war es möglich, die Produktion überhaupt fertigzustellen?

Es war die größte aller Herausforderungen in meinem Leben. Ich möchte nicht zu viel darüber reden. Etwa zwei oder drei Wochen nach Petras Tod hat mich der innere Kreis unserer colouFIELD-Crew davon überzeugt, dass wir den Film auch für Petra zu Ende bringen sollten. Wie es am Filmbeginn zu lesen ist: Der Film ist Petra gewidmet. Ich glaube nicht, dass ich je einen Film machen kann, in dem nicht die Hälfte eigentlich von ihr ist. Ich konnte eine Zeit lang nicht wirklich funktionieren oder arbeiten. Ich habe keine Ahnung, wie wir es geschafft haben, um ehrlich zu sein. Unser Team hat mir sehr zur Seite gestanden, obwohl es auch um Petra trauerte. Das war zudem die Zeit, in der wir mehr und mehr Hilfe von unseren jungen russischen Kollegen bekamen. Wenn Sie mich jetzt also fragen, wie wir es geschafft haben, die Produktion auf so wundersame Weise fertig zu stellen, muss ich sagen: Ich weiß es nicht.

Interview via Filmwelt Verleihagentur und ZDF

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Quelle: FilmBizNews, ZDF, Filmwelt Verleihagentur