Alexandra Sell
Alexandra Sell – ©Silke Ababneh

Kurzinfo zum Film

DIE ANFÄNGERIN erzählt die späte Coming-of-Age-Geschichte der Ärztin Annebärbel, die mit fast 60 Jahren wieder zu den Schlittschuhen greift, um ihren Kindheitstraum vom Eiskunstlaufen wahr zu machen. Alexandra Sells visuell sehr starkes Spielfilmdebüt taucht dabei tief ein in die faszinierende Welt des Eiskunstlaufs, die noch nie so authentisch im deutschen Kino gezeigt wurde.

Wie kamen Sie auf die Geschichte von DIE ANFÄNGERIN?

Im Sommer 2010 betrat ich das erste Mal eine Eishalle im Osten Berlins. Hinter der milchigen Scheibe raste etwas an mir vorbei, flog durch die Luft, setze federleicht auf: Ein kleines Mädchen. Glieder wie Gummi, ernstes Gesicht. Schon war sie weg und noch jemand kam in mein Blickfeld: Eine Gestalt, so langsam wie Zeitlupe, staksend die Bewegungen, immer an der rettenden Bande entlang: Eine alte Dame, Ende 70. Ihr Gesicht ganz nah dem meinen: Voller Runzeln, aber mit dem Lächeln eines Kindes.

Auf dem Eis sind die Rollen vertauscht: Die Kinder in ihrer Viruosität sind die „alten Hasen“, die Erwachsenen sind die Anfänger. Gibt es ein schöneres Bild für Neuanfänge im Alter?

Ich schaute der alten Dame nach, die, ganz versunken in sich selbst, ihren Weg fortsetze. Das kleine Mädchen raste an ihr vorbei, sprang, stürzte, knallte hart auf das Eis, brach in Tränen aus. Die Trainerin schrie, dass es wie ein Peitschenhieb durch die Eishalle schallte. Ich stand da und mir kamen die Tränen.

Noch am gleichen Tag schrieb ich die erste Szene von DIE ANFÄNGERIN.

DIE ANFÄNGERIN erzählt die Geschichte einer späten Befreiung. Annebärbels Coming-of-Age ist das einer 58 jährigen Frau. Tenor: Es ist nie zu spät die Richtung zu wechseln, nie zu spät für einen Neu-anfang – im Gegenteil: Gerade im Alter tut ein solcher Not, wenn lang verdrängte „Altlasten“ aus der Vergangenheit hervorkriechen und die Gegenwart vergiften.

Meine Intention war, einen Film zu machen, der ein Stück weit ein Märchen ist. Der auf dem Eis eine Enteisung erzählt, die im wirklichen Leben vielleicht nicht ohne jahrelange Therapie möglich wäre. Meine Mission dabei ist, dass Frauen „von nebenan“ diesen Film sehen. Mit unserer Heldin Annebärbel lachen, weinen… und vielleicht verstehen, dass wir alle damit gemeint sind, dass man eben die Dinge ÄNDERN muss, wenn uns das Korsett erdrückt.

Was begeistert Sie am Thema Eiskunstlauf?

Was gib es schöneres, als vom Auftauen einer Frau zu erzählen – ausgerechnet auf dem Eis. Dieses kontrapunktische Moment hat mich von Anfang an gereizt.

Eiskunstlauf ist einfach wunderschön, eine Eishalle ist für mich bis zum heutigen Tage eine tiefgefrorene Zauberwelt, die mich immer wieder in ihren Bann zieht. Ich kann es immer wieder nicht glauben, dass ich das Glück hatte, die erste deutsche Regisseurin zu sein, die den Eissport ins Zentrum eines Spielfilms stellt.

Meine persönliche Faszination für das Sujet Eiskunstlauf reicht zurück bis zur Jahrtausendwende: Bereits in meinem Dokumentarfilm „Das Avon Projekt“ (2001) gab es eine leidenschaftliche Hobbyeiskunstläuferin, eine hart arbeitende Friseurin aus der englischen Provinz. Anfang 50 war sie, für mich damals ein biblisches Alter. Und schon damals bezauberten mich der Ort Eishalle in seiner spröden Poesie und die kindlich anmutende Inbrunst, mit der diese betagte Erwachsene dort über das Eis glitt. Nach einer schweren persönlichen Krise erfüllte sie sich damit ihren Kindheitstraum. So entstand die Idee, eines Tages eine solche Frau ins Zentrum eines Spielfilms zu stellen.

Die Anfängerin (Filmszene)
©Flare Film/Kolja Raschke

So entstand DIE ANFÄNGERIN. Wie damals bei meinem Dokumentarfilm in England traf ich hier in Berlin-Hohenschönhausen auf die “kindlichen Erwachsenen”. Doch gleich daneben, auf derselben Eisfläche, der Gegenentwurf: Kinder, die wie Erwachsene anmuten. Bierernste kleine Leistungssportler, die mit hartem Drill auf Nachwuchselite getrimmt werden, auf ihren schmalen Schultern eine große Tradition: die Eiskunstlaufgeschichte, die zu DDR-Zeiten in genau diesen Hallen geschrieben wurde.

Die hermetische Welt der Eishalle als ein Brennglas von Gegensätzen zeigen: Alter – Jugend, erfüllte Träume – vergebliche Träume, Schönheit – Härte, das war meine Intention.

Auch die Architektur der Eishalle spiegelt diese Gegensätze wider. Kalte Materialien wie Eis, Beton, Stahl, eine extrem reduzierte Farbpalette von weiß bis grau. Gleichzeitig das Märchenhafte, Melancholische, das dieser Ort ausstrahlt, die weichen Plüschtiere, die auf der Bande liegen, als Glücksbringer. Die bunte Bilderoase in der Kabine der Kinder. Die glitzernden Kürkleider der Hobbyläuferinnen, in denen die älteren Damen aussehen, wie als kleine Mädchen verkleidet. Diese teils bizarren, teils beglückenden, teils traurig-bitteren Momente möchte ich mit DIE ANFÄNGERIN feiern.

Wie würden Sie ihre Protagonistin beschreiben? Was macht ihre Rolle / ihren Charakter aus?

Unsere Hauptfigur Annebärbel hat sich vor langer Zeit auf die Rolle der harschen „Frau Doktor“ festgelegt. Sie spielt sie so virtuos, dass sie sich fast selber glaubt – fast: Mit dem Alter ist ihr Panzer aus Disziplin und Verdrängung wahrer Emotionen so starr geworden, dass er ihr schier den Atem nimmt. Als Ehemann Rolf sie für eine andere Frau verlässt, bekommt dieser Panzer einen ersten Riss – den Annebärbel getreu ihres Verdrängungsmantras ignoriert. Sie flüchtet sich in Aktionismus, baut am Weihnachtsabend ein Potemkinsches Dorf auf. Doch ihre Mutter Irene kriegt alles raus, beweint sich selbst und den verlorenen (Schwieger)sohn – inklusive Schuldzuweisung und emotionaler Erpressung in Richtung Annebärbel.

Die Erniedrigung durch die Mutter ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Mit dem Wegbruch der Potemkinschen Fassade stürzt auch Annebärbel in sich selbst zusammen. Aus Erstarrung wird Verzweiflung, die sie nicht länger verleugnen kann. Die Rettung, in die Annebärbel hineinstakst, zutiefst fasziniert und neugierig wie ein Kind, ist das Eis. Das Eis taut sie auf. Auf dem Eis erfährt sie, was es heißt, anderen die Wärme zu geben, die sie selbst ein Leben lang vermisste.

Doch das Eis steht auch für tiefe, nie geheilte Wunden – zugefügt durch eben jene Mutter, die Annebärbel auch heute noch den Boden unter den Füßen wegzieht. Kränkungen, Entfremdung, Sprachlosigkeit. Wie beim Staffellauf von einer Generation weitergegeben an die nächste. Wie einen solchen Teufelskreis durchbrechen? Um diesen Kern wird sich die Geschichte drehen. Es soll um Aufträge gehen, die Erwachsene Kindern erteilen. Um Kinder, die sich damit abmühen, diese Aufträge zu erfüllen – auch wenn diese Kinder, so wie Annebärbel, inzwischen schon fast 60 Jahre alt sind.

Am Ende steht die Befreiung aus der vermeintlichen Allmacht der Erwachsenen. Für Annebärbel – und für ihre kleine Freundin Jolina. Und wenn es beiden “Mädchen” schließlich gelingt, ihren eigenen Weg zu gehen, selbstbestimmt und ein Stück weit erwachsen, dann erzählt DIE ANFÄNGERIN die Geschichte eines doppelten Coming-of-age.

Ihr Film hat einen starken Bezug zur damaligen DDR. War Ihnen der Ost-Bezug von Anfang an wichtig und warum?

Die Anfängerin (Filmszene)
©Flare Film/Kolja Raschke

Als ich meine Recherche in den Eishallen Berlins begann, machte ich eine unerwartete Entdeckung: Nur ein paar Straßenbahnhaltestellen von meiner Wohnung entfernt liegt das SPORTFORUM BERLIN-HOHENSCHÖNHAUSEN. Zu DDR-Zeiten als Sportkaderschmiede gegründet, trainieren hier heute 3000 Leistungssportler und Sportlerinnen – auf einer Fläche von über 100 Fußballfeldern!! Das Sportforum ist damit Europas größter Olympiastützpunkt.

Als ich mich auf diesem riesigen Gelände gegen den Wind stemmte, den Eishallen entgegen, um mich herum zugige Weite und gestrige Architektur, da schien mir Moskau näher als der Kurfürstendamm. Ich fühlte mich an meinen Film „Durchfahrtsland“ erinnert: Wie damals im Rheinland stieß ich auch hier in Berlin auf eine fremde und ungeheuer faszinierende Welt vor meiner eigenen Haustür.

Meine Neugier war geweckt. Ich recherchierte die Rolle des Eiskunstlaufs im Berlin der DDR und fand heraus, dass sie eine viel spektakulärere war als die im Westen. Ich lernte Christine Errath kennen, die 1974 für die DDR als einzige Berlinerin aller Zeiten Weltmeisterin im Eiskunstlauf wurde. Christine zeigte mir unzählige Kartons mit Fanpost von damals. Durch deren Lektüre begann ich zu begreifen, was der Eiskunstlauf damals für die Menschen in der DDR bedeutete. Es entstand eine Idee, die Christine zu meiner Freude mit Begeisterung aufnahm: Die fiktive Geschichte der Anfängerin mit der realen Person Christine Errath zu verknüpfen. Eine Geschichte aus Berlin-Hohenschönhausen zu erzählen, deren Off-Story zu DDR-Zeiten beginnt, aber einmal nicht von Stasiverbrechen oder sonstigen Repressalien des Systems erzählt, sondern von der ganz privaten Sehnsucht nach den Sternen.

Bei DIE ANFÄNGERIN haben Sie das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und sogar beim Schnitt mitgewirkt – war dies eine große Herausforderung? Was hat Sie daran gereizt?

Ich bin Autorenfilmerin, daher ist es nichts Ungewöhnliches, in mehreren Bereichen Hand anzulegen. Dennoch: Filmarbeit ist Teamarbeit. DIE ANFÄNGERIN zeigt das Zusammenspiel zahlreicher wunderbarer Menschen und Gewerke!!!

Mein Selbstverständnis ist das einer Geschichtenerzählerin in Wort und Bild. Meine filmische Arbeit beginnt dabei immer mit Fotografie. Fotografisch erforsche ich die Welt meiner Geschichten und entwickle filmische Ideen. Im Vorfeld von DIE ANFÄNGERIN entstanden tausende Fotos.

Auf diese Weise entstand das Drehbuch und es war mir immer klar, dass ich es auch selbst verfilmen möchte. Autorenschaft erstreckt sich über die Dreharbeiten und wird weitergeführt im Schneideraum.

Eine Herausforderung besteht darin, dass die Fertigungsstufen eines Filmprojekts mit ganz und gar konträten Energien verbunden sind: Die Arbeit des Drehbuchautors ist eine recht einsame. Man verkriecht sich vor den Rechner, wird zum Nerd. In meinem Fall hatte ich das Glück, mit Heide Schwochow und Martin Dolejs zwei wunderbare dramaturgische Berater zur Seite zu haben, mit denen ich im Austausch stand. Und dennoch: Die meiste Zeit ist man allein.

Dann kommt das große Zittern während der Finanzierung: Schaffen wir es, diese bis zum Frühjahr 2016 zu schließen – der einzige Zeitraum, in dem wir eine Drehgenehmigung für “unsere” Eishalle ergattert hatten. Im Klartext: Uns war klar, wir können diesen Film nur dann machen. Eine zweite Chance wird es nicht geben.

Und dann kam das ersehnte grüne Licht, man tritt aus seiner Schreibstube und ist für ein schulklassenstarkes Team verantwortlich. Im unserem Falle hatten wir auch hier wieder Glück: Unser Team war fantastisch. Mit Kameramann Kolja Raschke ging ich vor dem Dreh in Klausur: Jede einzelne Kameraeinstellung des Film haben wir akribisch vorbereitet. Denn am Set würde es keine Zeit für Zufälle geben, das war uns klar.

Dennoch war das erstmal graue Theorie – in der Praxis standen wir vor der Herausforderung, dass unser Film alles andere als ein Kammerspiel war. Es galt unzählige Komparsen zu besetzen, viele davon Kinder, die nur zu eingeschränkten Zeiten am Set arbeiten dürfen. Und ach ja, einen Hund hatten wir auch noch dabei. Alles in allem ein logistisches Abenteuer, wir kamen manchmal, trotz der arktischen Temperaturen in der Eishalle, ganz schön ins Schwitzen. Dass wir die Sache gemeistert haben erfüllt uns mit Stolz und mein persönliches Fazit lautet: Jederzeit wieder. Ich plane sogar noch einen Film nachzulegen: Eine Dokumenation über den Adult-Hobbywettkampf in Oberstdorf.

DIE ANFÄNGERIN ist ihr Spielfilmdebüt, was ist für Sie das Besondere im Vergleich zum Dokumentarfilm?

Die Anfängerin (Filmszene)
©Flare Film/Kolja Raschke

Für die Protagonistin meines Dokumentarfilms, damals in England, ging die Sache nicht gut aus: Nach einem Nervenzusammenbruch musste sie ihren geliebten Eiskunstlauf aufgeben.

Es brach mir damals das Herz. Als Dokumentarfilmer können wir das Schicksal unserer Protagonisten nicht verändern. Wir können nur zuschauen. Für einem Moment vielleicht Trost spenden. Doch wir sind weder Therapeuten noch Freunde. Wir sind Zaungäste im Leben unserer Protagonisten, die weiterziehen.

Der Schritt zum Spielfilm war für mich daher ein beglückender. Die Realität kann widerspenstig sein, wenn man ihr dramaturgisch zu Leibe rückt, die Fiktion hingegen bietet unbegrenzten Raum für emotionale Verdichtung, bis hin zu einem erlösenden Happy End! Und wenn eine szenische Idee plötzlich “da ist” wie aus dem nichts, wenn meine Figuren zu mir sprechen, während ich gerade die Steuererklärung oder den Abwasch mache, ist das ein magisches Gefühl. Wenn ich dann die fertige Szene inszenieren darf, mit Menschen aus Fleisch und Blut, wenn die Geschichte zum Leben erwacht, gibt es für mich nichts Schöneres.

Die Chemie zwischen Ulrike Krumbiegel und Annekathrin Bürger ist perfekt. Wie war die Zusammenarbeit mit den beiden Schauspielerinnen?

Ja, diese Chemie stimmt, und das empfinde ich als ein großes Glück. Ulrike Krumbiegel ist eine Ausnahmeschauspielerin. Sie verkörpert unsere Annebärbel auf grandiose Weise. Annekathrin Bürger als ihre antagonistische Mutter lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.

Ulrike Krumbiegel und Annekathrin Bürger kennen sich schon lange, seit ihrer gemeinsamen Arbeit für Regisseur Bodo Fürneisen. Das wusste ich, denn ich habe sehr früh begonnen, über den Cast für DIE ANFÄNGERIN nachzudenken. So habe ich mich quer durch das DEFA-Schaffen geschaut, denn mir war von Anfang an klar, dass ich meine ostdeutsche Geschichte mit ostdeutschen Schauspielern besetzen möchte.

Die Rolle der Irene ist für Annekathrin Bürger geschrieben, die ich kennenlernte, bevor ich das Drehbuch schrieb. Sie wirkte beratend an ihrer Figur mit. Und ich glaube, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass „alles Theater“ ist. Annekathrin Bürger ist der warmherzigste Mensch, den man sich vorstellen kann. Ulrike und sie verbindet eine Freundschaft, die über die Arbeit hinausgeht. Wir haben viel gelacht am Set, wenn Annekathrin zu Ulrike sagte: „Ach Liebes, nun muss ich dich gleich wieder so ärgern!“

Das schöne war, dass beide Schauspielerinnen eine riesengroße Freude dabei hatten, dieses Mutter-Tochter-Paar zu spielen, das so viele Lichtjahre von ihrer realen Zuneigung zueinander entfernt ist. Sie sind eben eins: Vollprofis.

Ein besonderes Merkmal des Films ist u.a., dass so viele begeisterte Hobby Sportler und die Weltmeisterin Christine Stüber-Errath mitspielen. Wie waren die Dreharbeiten?

Unsere Mitwirkenden auf dem Eis waren einfach nur: FANTASTISCH!!! Von den Kitakindern über die Leistungssportler bis zu den Hobbyläufern: Da gab es kein Meckern, kein Murren, da war so viel Begeisterung da, die hat uns durch den Dreh getragen. Und egal wie groß die Herausforderungen, wir haben alle miteinander eine riese Menge Spaß gehabt!

Christine Stüber-Errath auf dem Eis zu sehen macht mir jedes Mal ein Gefühl wie Brausepulver im Bauch. Kluge Eissachverständige haben mir gesagt, dass nicht jeder ehemalige Leistungssportler auf dem Eis eine gute Figur macht. Christine hingegen wird zum jungen Mädchen, wenn sie das Eis betritt. Dass sie dazu noch über 3 Jahre wöchentlich auf dem Eis stand um für unseren Film zu trainieren, erfüllt mich mit unendlicher Dankbarkeit.

Was war die größte Herausforderung am Set?

Die Anfängerin (Filmszene)
©Flare Film/Kolja Raschke

Seelig sind die geistig Armen: Als (späte!) ANFÄNGERIN im Spielfilmsegment hatte ich, trotz aller Recherche, nicht die leiseste Ahnung was auf mich zukommt. Zum Glück. Sonst hätte ich mich vielleicht nicht getraut: Was unser Team in den 6 Wochen des Drehs geleistet hat, das war beinahe übermenschlich. Wir waren unterfinanziert, daher mussten wir mit Herzblut und harter Arbeit wettmachen, was an Geld fehlte. Unser schlimmster Feind war die Zeit: Zeit ist unendlich teuer am Filmset. In unserem Fall besonders, da ja auch noch die teure Eishallenlocation dazukam. Und so hatten wir bei all unseren logistischen Klimmzügen ständig die Zeit im Nacken. Dass wir das geschafft haben ist zu einem großen Teil der hohen Professionalität unserer Schauspieler zu verdanken.

Ein wichtiger Teil des Films ist einerseits die Vergangenheitsbewältigung sowie die Aussage, dass es nie zu spät ist sein Leben zu ändern, selbst mit Ende 50 nicht. Was hat Sie zu der späten oder sogar doppelten Coming-of-Age Geschichte veranlasst?

Die Figur unserer Jolina ist eine meiner liebsten. Dieses Mädchen, das so viel auf seinen Schultern trägt ist ein Spiegel für das Kind, das noch immer in Annebärbel steckt.

Während meiner Recherche lernte ich: Kein freiwilliges Wort sprechen Hobby- und Leistungssportler miteinander: „Dit is hier wie die Berliner Mauer – nur dicker“, klärte man mich auf. Ich begann mich zu fragen: Was wäre, wenn jemand diese Mauer durchbricht? Jemand mit einer Mischung aus Mut, Unwissenheit und Stoizismus? Jemand wie Annebärbel. Ihre Freundschaft mit der jugendlichen Leistungssportlerin Jolina ist eine zarte, zunächst ungelenke Annäherung zweier Frauen verschiedener Generationen, die beide zu neuem Leben erwachen lässt. Das Mädchen Jolina bringt in Annebärbel eine ganz neue Seite zum Klingen, von der diese gar nichts wusste. Und Annebärbel, die Einzelgängerin, die unmütterliche Frau, stellt sich Jolina zur Seite, als die Trainerin ihr das Leben schwer macht.

Eine solche Freundschaft trotz aller Hindernisse möglich werden zu lassen. Auch darin liegen für mich Möglichkeit und Zauber der Fiktion – im Gegensatz zum reinen dokumentarischen Material, das ich fand.

Was darf der Zuschauer erwarten / Worauf darf sich das Publikum freuen?

Ich glaube an die Kraft von Geschichten. An dieser Kraft hat sich nichts geändert seit damals am Lagerfeuer. Gute Geschichten wärmen uns. Sie rütteln uns auf. Und sie sind ganz nah: Die bundesdeutsche Realität anno 2017 birgt für mich einen wahren Schatz an berührenden, tragischen und tragikomischen Motiven.

Die Berliner Eishallen bergen für mich einen solchen Schatz: Ich habe 5 Jahre vor Ort recherchiert und ich glaube sagen zu können, dass man dies der ANFÄNGERIN ansieht: Der Zuschauer darf sich auf einen Film freuen, den es so noch nicht gab: Der erste deutsche Kinospielfilm, der authentisch aus der Welt des Eiskunstlaufs erzählt, mit ganzen Schulklassen von „echten Sportlern“ als Statisten. Mit der einzigen Berliner Weltmeisterin aller Zeiten in ihrem Comeback auf dem Eis.

Doch ein Film lebt vor allem von seinen Figuren. Unsere Heldin Annebärbel begibt sich auf eine Reise, mit der sich viele Zuschauer identifizieren können, das hat die Festivalpremiere gezeigt: Sogar Herren der Schöpfung hatten feuchte Augen.

DIE ANFÄNGERIN ist kein Sozialdrama, kein sprödes Arthouse. Mein Ansatz war es, einen Film zu machen, den sich Menschen wie seine Protagonisten gern anschauen würden.

„Alex, are there any funny german films?“ Diese Frage wurde mir während meines Studiums in London gestellt, viele arglose britische Augenpaare auf mich gerichtet, mir brach der Schweiß aus.

Ich glaube, DIE ANFÄNGERIN ist so ein deutscher Film, in dem auch gelacht werden darf – und wird, wie unsere bisherigen Screenings zeigen. Denn unser menschliches Streben nach Glück ist für mich voller Tragikomik und diese habe ich versucht, filmisch in Szene zu setzen.

Interview via Farbfilm Verleih

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