303 (Filmszene)
©Alamode Film
Titel: 303
Originaltitel: 303
Land: Deutschland
Genre: Drama, Liebesfilm (Romanze), Roadmovie
Deutschlandstart: 19.07.2018
Regie: Hans Weingartner
Farbe: Farbe
Format: 1:1.85
Ton:
Laufzeit: 145 Minuten
Budget:
Mit: Mala Emde, Anton Spieker, Jörg Bundschuh, Steven Lange
FSK: ab 12 Jahren
sonstiges:
Cast
Darsteller/in Rolle
Mala Emde Jule
Anton Spieker Jan
Arndt Schwering-Sohnrey Typ/Angreifer
Thomas Schmuckert Herr Kirchner, Prüfer Jule
Jörg Bundschuh Professor Jan
Steven Lange Alex
Martin Neuhaus Trucker Manni
Hannah Schröder Mutter
Sophie Tschannett Hannah
Caroline Erikson Lena
Inhalt
303 (Filmplakat)Berlin am Ende des Sommersemesters. Es läuft nicht gut für Jule (MALA EMDE). Die 24-Jährige verhaut nicht nur ihre Biochemie-Prüfung, sondern ist auch noch ungewollt schwanger. Ihre Mutter drängt zur Abtreibung, doch Jule sträubt sich. Sie will diese Entscheidung gemeinsam mit ihrem Freund Alex treffen, der in Portugal seine Doktorarbeit schreibt. Kurz entschlossen packt die Biologie-Studentin ihre Sachen und fährt mit ihrem Wohnmobil, Modell Mercedes Hymer 303, gen Süden. An einer Tankstelle kurz nach Berlin gabelt sie den gleichaltrigen Anhalter Jan (ANTON SPIEKER) auf. Der Berliner Politik-Student will nach Nordspanien, um seinen leiblichen Vater kennenzulernen. Aus anfänglicher Sympathie wird innerhalb weniger Minuten ein hitziger Streit zum Thema Suizid. Die ohnehin schon gestresste Jule verliert die Nerven und schmeißt Jan am nächsten Rastplatz wieder raus. Erst da dämmert es Jan, dass er bei Jule einen wunden Punkt getroffen haben muss: Ihr Bruder, von dem sie ihm zuvor erzählt hatte, hat der sich auch das Leben genommen?

Abends dann sitzt Jule allein im 303 und telefoniert gerade mit ihrem Freund Alex, als es an der Tür klopft. Draußen steht ein Mann, der völlig begeistert von Jules Oldtimer schwärmt und sich selbst zur Besichtigung einlädt. Im Wageninneren wird er jedoch plötzlich zudringlich und treibt Jule in die Enge. Glücklicherweise ist Jan, der von einem LWK-Fahrer mitgenommen wurde, auf demselben Rastplatz gelandet und kann den Angreifer nach kurzem Kampf vertreiben. Bei einer Tasse Tee im Bus versöhnen sich die beiden und finden heraus, dass sie sich eigentlich sogar ziemlich gut verstehen.Am nächsten Morgen lädt Jule Jan deshalb ein, doch noch ein Stückchen mit ihr mitzufahren. Auf der sonnigen Landstraße beginnt die nächste Diskussion der beiden neugierigen Köpfe, diesmal über die „Vereinzelungsstrategie des Kapitalismus“ und darüber, ob der Mensch den permanenten Wettbewerb liebt oder ob der ihn kaputt macht. Jule muss sich übergeben, und bei einem Erholungsspaziergang durch lichte Wälder geht es dann um Darwin und am Beispiel des Pfaus um die Frage, ob wirklich nur der Stärkste überlebt, oder manchmal auch der Bizarrste. So kommen sie dann schnell zur Systemfrage:

Stammen wir vom Cro-Magnon-Menschen ab oder vom Neandertaler? Lieben wir es zu teilen oder ist die Menschheitsgeschichte ein einziges Blutbad? Benutzte Ötzi seine Axt zum Bäume fällen oder zum Töten?

Mehr und mehr merken Jan und Jule, wie viel Freude ihnen das miteinander Debattieren macht, trotz oder vielleicht gerade wegen der unterschiedlichen Standpunkte. Und so heißt es dann in Köln auf die Frage „Nochmal 500 Kilometer?“: „Ja, super gerne“. Auf einem Campingplatz im belgischen Herbeumont unweit eines römischen Viadukts wird angegrillt, und Jan erzählt nach dem Essen davon, wie er im Alter von 17 Jahren herausfand, dass sein Stiefvater nicht sein Vater ist. Die beiden kommen sich langsam näher, ihre Gespräche werden persönlicher.

Auf dem Marktplatz im lothringischen Montmédy ruft Jule Alex dann doch an. Sie kann ihr Geheimnis einfach nicht mehr für sich behalten. Ihr Freund zeigt sich wenig erfreut über die Aussicht, Vater zu werden. Jule ist schwer getroffen. Jan besorgt eine Tarte aux Pommes aus der Bäckerei, die soll gegen Kummer helfen. Tatsächlich schafft er es Jule aufzuheitern. Dadurch ermutigt probiert er das mit der zärtlichen Berührung aus. Killt die wirklich Stresshormone? Es scheint fast so. Ein erstes Mal knistert es zwischen den Beiden.

303 (Filmszene)
©Alamode Film

Auf der Fahrt durch die Champagne geht es infolgedessen um Liebe und Beziehungen und die Frage, ob man sich aussuchen kann, in wen man sich verliebt. Für Jan ist Küssen in erster Linie Gen-Check – man erschnüffelt über die Pheromone den besten Partner für die erfolgreiche Fortpflanzung.

Im Hafen von Verdun vermutet Jule hinter Jans Biologismen eine Ausrede für seine Beziehungsunfähigkeit. Ihrer Meinung nach verliebt man sich mit Herz und Seele und nicht mit den Sexualorganen. Jan hingegen meint, dass Sex Kontrast braucht, während langfristige Partnerschaft vor allem zwischen sich ähnlichen Partnern gelingt, und leitet aus diesem Widerspruch eine grundsätzliche Inkompatibilität zwischen Mann und Frau ab. Monogamie ist für ihn daher kulturell programmiertes Unglück. Als er dann verschmitzt zugibt, dass seine längste Beziehung nur 9 Monate dauerte, bringt er Jule herzlich zum Lachen.

Unbeschwert reisen sie weiter durch die sommerlichen Landschaften Frankreichs, genießen die Zeit mitei-nander. Kochen, einkaufen, abwaschen, Camp auf- und abbauen, bald sind sie ein eingespieltes Team.

Bei einem Picknick an der Loire attestiert Jule Jan ein Näheproblem aufgrund der schlechten Behandlung durch den Stiefvater und stößt ihn damit vor den Kopf. Wie nah darf man jemanden an sich heranlassen? Nach einem heftigen Streit gibt sie schließlich zu, selbst auch ein Näheproblem zu haben, wobei sie eher die „Nebelkerzenwerferin“ ist. Dabei ist Liebe Vertrauenssache. Jule weiß dann, dass sie verliebt ist, wenn sie nirgendwo anders mehr sein will. Wenn es genau richtig ist, da, wo sie gerade ist, mit dem anderen.

Man bekommt das Gefühl, dass das auch bei den beiden mit Fortgang der Reise immer mehr der Fall ist. Überhaupt spiegeln sich ihre Liebestheorien immer öfter in der eigenen Praxis wieder, beispielsweise als beide heimlich am T-Shirt des anderen riechen, um die Geruchsattraktion als Basis des Verliebens zu verifizieren.

Ausgerechnet in einer Kirche diskutieren sie, ob Paare ihr Sexualleben langfristig mit Dildos und Bondage aufregend gestalten können oder ob man nach spätestens 10 Jahren keine Lust mehr aufeinander hat. Im Klostergarten der Abbaye von Noirlac geht es dann um die eheliche Treue als Erfindung der katholischen Kirche, und darum, wie die alten Römer ihre Eheprobleme lösten. Bei einem französischen Gourmet-Abendessen kommt Jule fast zum Orgasmus und Essen wird als Alternative zum Sex erkannt. Jule gibt zu, dass sie sich nicht wohl dabei fühlt, dass in Alex’ Kommune freie Liebe praktiziert wird. Am Ende kommen die Beiden zu dem Ergebnis, dass die Zeit reif ist für neue Beziehungsmodelle.

303 (Filmszene)
©Alamode Film

Immer öfter sagen sie auch gar nichts. Lesen, Gitarre spielen, Mais klauen vom Feld und zuschauen, wie Jule am Steuer sitzt, zuhören, wie Jan unter der Dusche singt. Nach dem Surfen an der südfranzösischen Atlantikküste ist die Nähe kaum noch auszuhalten, und Jan versucht Jule das erste Mal zu küssen. Doch noch steht Alex unsichtbar zwischen ihnen.

Sie überqueren die spanische Grenze und Jule bringt Jan ins baskische Zumaia, wo Jans leiblicher Vater als Bootsbauer in einer Werft arbeitet. Sie finden ihn im Hafen, aber Jan wagt es nicht ihn anzusprechen. Der Mann, der mit einer deutschen Touristin einst ein Kind gezeugt hat, ist ihm fremd. Er wird niemals sein Vater sein. Dennoch füllt sich mit der Begegnung eine Leerstelle und Jan begreift, dass er in Zukunft in sich selbst nach dem Glück suchen muss. Jule spendet ihm Trost und Jan öffnet sich ihr so weit wie noch nie, lässt endlich Nähe zu und legt seine Coolness ab. Die beiden sind sich mit einem Mal sehr, sehr nahe. Bei einer Besichtigung der Höhlenmalereien von Altamira – geschaffen vom Cro-Magnon Menschen, dem ersten Menschen, der Zeit für Kunst hatte – spürt man deutlich, wie vertraut die beiden einander inzwischen sind.

Nach einer Wanderung in der traumhaft schönen Berglandschaft der Picos de Europa stürzen sie in einen Bach. Klatschnass rennen sie lachend zurück zum Bus. Beim Abtrocknen passiert es schließlich. Die körperliche Anziehungskraft verselbstständigt sich. Der Versuch sich nicht zu küssen, sondern nur aneinander zu schnuppern (Gen-Check), schlägt fehl, und sie fallen übereinander her.

Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer. Denn direkt danach, ausgerechnet, erzählt Jule erstmals von ihrer Schwangerschaft. Jan trägt es mit Fassung. „Willst du einen Tee?“

Auf einem Stein in einsamer Höhe fasst Jule einen Entschluss: Sie will das Kind behalten. Jan bestärkt sie in dieser Entscheidung, was Jule sehr erleichtert und ihre Gefühle gegenüber Jan noch verstärkt. Man hat den Eindruck, dass es vielleicht gerade Jans Beistand und seine Zuverlässigkeit und Ruhe waren, die ihr die Zuversicht und das Vertrauen in die Zukunft gaben, das sie brauchte, um diese Entscheidung zu treffen.

Aber trotzdem: Die Reise geht weiter nach Portugal. Und jeder Kilometer bringt sie näher zu Alex.

Kommentar von Hans Weingartner
Im Bus meint Jule zu Jan, der Bus basiere auf einem Mercedes „303“ Transporter. Der heißt in Wahrheit „308“, aber ich fand „303“ klingt besser. In meiner Hausbesetzerzeit sind wir mal alle zusammen mit einem „303“-Reisebus (den gibt es wirklich) nach St. Petersburg zu einer Techno-Party gefahren. Vielleicht deswegen der Titel, eine Reminiszenz an diese schöne und freie Zeit.

Man soll das Gefühl haben, selbst mit den beiden auf die Reise zu gehen, im Bus mitfahren. Deshalb nimmt die Kamera nur Positionen ein, die auch ein natürlicher Beobachter einnehmen könnte.

Wir haben mit einer extrem kleinen Crew von nur 8 Leuten (1 Ton, 3 Kameracrew, 1 Aufnahmeleiter, 1 Regisseur, Regieassistentin, Köchin) gedreht, die auch alle selber im Zelt oder im Wohnmobil schliefen. Wie bei einem Dokumentarfilm.

Es war extrem schwer diesen Film zu finanzieren. „Die reden zuviel“. Außer BKM und Medienboard (revolvierende Mittel) lehnten alle Filmförderungen ab. Die beteiligten TV-Sender stiegen beim ersten Versuch 2013 kurz vor Drehbeginn aus, der deshalb abgeblasen werden musste. Danach hatte ich keine Lust mehr auf einen öffentlich-rechtlichen Sender. Letztendlich wurde mit sehr viel privatem Risiko gedreht. Das Budget war extrem gering. Es stimmt mich traurig, dass ich nach all den Jahren immer noch so um meine Budgets kämpfen muss. Ich versuche halt immer etwas Neues zu machen und damit hat man bei uns in Deutschland Probleme. Meine Stoffe sind nicht gremientauglich. Die langen Pausen zwischen meinen Filmen kommen dadurch, dass ich so lange brauche, meine Projekte zu finanzieren.

Mein erster Versuch den Film zu drehen war 2003. Doch ich war noch nicht soweit. Meine Fähigkeiten reichten nicht aus. Diese Art Dialoge… dass die natürlich klingen… das ist extrem schwierig. Das wird uns so schnell keiner nachmachen. Ich weiß, das klingt arrogant. Aber ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es so ist. Ich bin extrem kritisch meinen eigenen Filmen und meiner Arbeit gegenüber. Selbstkritik ist mein täglich Brot, schon morgens vor dem Kaffee. Aber auf diese Dialoge bin ich sehr, sehr stolz.

Zwischendurch wollte ich sogar auf Englisch umsteigen, weil ich die Schauspieler hier nicht fand. Aber die deutsche Sprache eignet sich einfach tausend Mal besser zum Philosophieren. Sie ist viel präziser und eleganter. Du kannst fast jedes Wort mit einem anderen zu einem neuen Wort kombinieren. Dadurch hast Du nicht nur einen Wortschatz von 50.000, wie im Englischen, sondern von potentiell einer Milliarde Worten. Das hab ich bei der Übersetzung gemerkt: Englisch ist viel umständlicher. Zum Beispiel „Vereinzelungsstrategie“. Wie übersetzt man das? „Isolation Strategy of Capitalism“. Schrecklich! Steht das Wort im Duden? Nein. Ich hab‘s einfach erfunden! Ich liebe das. Einfach mal so ein neues Wort erfinden. Herrlich! Oder nimm mal Liebeskummer. Weltschmerz. Fernweh. Gibt es alles nicht im Englischen! Deshalb hab ich das aufgegeben, obwohl ich dafür sogar Star-Schauspieler bekommen hätte (z.B. Emile Hirsch).

Ich fuhr diese gesamte Strecke zur Vorbereitung und Recherche zwei Jahre vor dem Dreh selbst mit dem gleichen Bus ab. Der Bus gehört mir privat und ich gehe damit auch selbst manchmal auf die Reise.

Das Dogma, ein Film darf nur in Bildern erzählen, kriegt man jahrelang in der Filmschule eingeprügelt sowie in JEDEM Drehbuchworkshop. Das breche ich bewusst. Diese Vorschriften sind mir zuwider. Godard sagte: Ein Film ist alles, was in 24 Bildern pro Sekunde über die Leinwand läuft. Basta!

Die schönsten Erinnerungen an meine Studentenzeit sind die nächtelangen Diskussionen in der WG-Küche über Gott und die Welt. Man möchte meinen, das gäbe es nicht mehr, weil die Studenten alle so gestresst sind. Aber das stimmt nicht. Vereinzelt gibt es sie noch.

Text via Alamode Film

Stab/Crew
Produzent/in: Hans Weingartner
Koproduzent/in: Simon Amberger
Koproduzent/in: Korbinian Dufter
Koproduzent/in: Rainer Kölmel
Koproduzent/in: Rafael Parente
Koproduzent/in: Matthias Bahr
Koproduzent/in: Christine Tschanett-Weingartner
Ausführende/r Produzent/in: Luis Singer
Regie: Hans Weingartner
1. Regieassistent/in: Sylvaine Faligant
1. Regieassistent/in: Vanessa Schreiber (Berlin)
Drehbuch: Hans Weingartner
Drehbuch: Silke Eggert
Drehbuch: Sergej Moya (Mitarbeit)
Kamera/DoP: Mario Krause
Kamera/DoP: Sebastian Lempe
Schnitt: Sebastian Lempe
Schnitt: Karen Kramatschek
Schnitt: Benjamin Kaubisch
Schnitt: Hans Weingartner
Musik: Michael Regner
Produktionsdesign: Ricarda Johanna Schwarz
Setdekoration: Mario Krause
Produktionsmanagement: Thomas Loos (Koordination)
Postproduktion: Thomas Loos (Koordination)
Casting: Uta Seibicke
Casting: Lisa Stutzky
Casting: Charlotte Roustang
Tondesign: Fabian Weigmann
Tondesign: André Zimmerman
Ton: Johannes Kaschek
Ton: Ansgar Frerich
Musikabteilung: Karen Kramatschek (Supervisor)
Kostümdesign: Svenja Gassen
Maske: Heiko Schmidt
Maske: Janina Kuhlmann
Kameraoperator: Yuri Salvador
Stuntkoordination: Michael Bornhütter
Stuntkoordination: Hannes Pastor
Stuntdouble: Mario Krause
beteiligte Firmen
Produktion: Kahuuna Films
Koproduktion: Starhaus Produktionen
Koproduktion: NEUESUPER
Verleih Deutschland: Alamode Film
Weltvertrieb: Global Screen
gefördert/unterstützt durch: Filmförderungsanstalt
gefördert/unterstützt durch: Medienboard Berlin-Brandenburg
gefördert/unterstützt durch: Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
gefördert/unterstützt durch: FilmFernsehFonds Bayern
gefördert/unterstützt durch: German Films