Enfant Terrible (Filmszene)
©Bavaria Filmproduktion
Titel: Enfant Terrible
Originaltitel: Enfant Terrible
Land: Deutschland
Genre: Filmbiografie, Drama
Kinostart Deutschland:
Regie: Oskar Roehler
Farbe: Farbe, Schwarz-Weiß (einige Szenen)
Format: DCP
Ton:
Laufzeit: 134 Minuten
Budget:
Mit: Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann, Frida-Lovisa Hamann, Eva Mattes
FSK: ab 16 Jahren
sonstiges:
Cast
Darsteller/in Rolle
Oliver Masucci Rainer Werner Fassbinder
Hary Prinz Kurt
Katja Riemann Gudrun
Frida-Lovisa Hamann Martha
Eva Mattes Brigitte Mira
Erdal Yildiz Salem
Isolde Barth Rainers Mutter
Jochen Schropp Armin
Alexander Scheer Andy Warhol
Michael Klammer Günther
Lucas Gregorowicz Ulli
Anton Rattinger Britta
André Hennicke Transvestit
Désirée Nick Bärbel
Sunnyi Melles Veronika
Felix Hellmann Harry
Michael Ostrowski Peter Chatel
Antoine Monot Jr. Peter Berling
Meike Droste Ursel
Detlef Bothe Wally
Markus Hering Peer
Norbert Ghafouri Dietrich
Simon Böer Mike
Ingo van Gulijk Kameramann
Christian Berkel Interviewer
Götz Otto Jack Palance
Ralf Richter Blumenpeter
Wilson Gonzalez Raoul
Inhalt
Enfant Terrible (Filmplakat)Als der 22-jährige Rainer Werner Fassbinder 1967 die Bühne des Antiteaters in München stürmt und kurzerhand die Inszenierung an sich reißt, ahnt niemand der Anwesenden, dass dieser dreiste Typ einmal der bedeutendste Filmemacher Deutschlands werden wird.

Schnell schart der einnehmende wie fordernde Mann zahlreiche Schauspielerinnen, Selbstdarsteller und Liebhaber um sich. Er dreht einen Film nach dem nächsten, die auf den Festivals in Berlin und Cannes für Furore sorgen. Der junge Regisseur polarisiert: beruflich wie privat.

Aber die Arbeitswut, die körperliche Selbstausbeutung aller Beteiligten und der ungebremste Drogenkonsum fordern bald ihre ersten Opfer.

Kommentar von Oskar Roehler
Enfant Terrible (Filmszene)
©Bavaria Filmproduktion

Wenn sich jemand über die biederen Grenzen des deutschen Erzählkinos hinweggesetzt hat, dann Fassbinder. Das lässt ihn einzigartig scharf und schillernd dastehen.

Mir ging es wie Klaus Richter: den ersten Film, den ich sah, ich war damals 12 und es gab ein „Heimkino“ im Internat, in das etwa 20 Leute passten, war „Händler der vier Jahreszeiten“. Dieser Film hat sich wie ein Geschoss in das Herz des Zwölfjährigen gebohrt. Fortan saß und wartete er, wann der nächste Fassbinder käme. Und er kam bald. Nahezu im Halbjahresrhythmus kamen neue, kleine, teils bizarre, teils tiefenscharfe Filme heraus, die ihren Zerrspiegel auf die Gesellschaft richteten, die kleinbürgerliche, erzreaktionäre, deutsche der frühen Siebzigerjahre, die der 12-, 13-, 14-Jährige dann mitnehmen konnte, tief beeindruckt von der Wirkung, die sie in ihm hinterlassen hatten. Es war eine deutsche Wirklichkeit, die er bisher nicht kannte und über die er bisher nicht nachgedacht hatte. Fassbinders Filme gaben ihm das Werkzeug und die Mittel anheim, dies zu tun. Was zur Folge hatte, dass er selbst früh mit seinen ersten Versuchen zu schreiben anfing. Diese Filme waren ein großer Segen innerhalb der Filmwüste Deutschlands. Und als der 19-Jährige dann nach Berlin ging, auf den Spuren der Einstürzenden Neubauten und eben jenes legendären Fassbinders, der damals immer noch fast ein Berufsjugendlicher war, er war Mitte dreißig, da suchte er schon bald die Orte auf, in der er in der Nähe seines Idols und dessen Stars sein konnte, Ingrid Caven, Kurt Raab, Volker Spengler und wie sie alle hießen, die sich schwer betrunken in der Paris-Bar und im Bermuda-Dreieck rund um den Savignyplatz herumtrieben und dort ihre ausschweifenden Partys feierten, und „drückte seine Nase an die Scheiben“, weil er sich anfangs erst nicht hinein traute. Später lernte er einige von ihnen kennen und hatte selbst die Ehre mit ihnen zu drehen.

Enfant Terrible (Filmszene)
©Bavaria Filmproduktion

Was Fassbinder und seine Truppe so berühmt und berüchtigt machte, war die Tatsache, dass sie es tatsächlich geschafft hatten, mit ihrem giftigen Cocktail unterschiedlichster Filme die kulturelle Landschaft total aufzumischen und ihnen schon der internationale Ruhm dämmerte. Es war eine schwule Truppe von Hasardeuren, Mimen und Teilzeitschauspielern, die dies erreichten, ein bunter Haufen, der überall her kam, aus der tiefsten bayrischen Provinz bis hoch zu den Altstars der UFA. Der Zampano von ihnen, der junge Fassbinder, der sich zum Schluss nur noch mit Spiegelglassonnenbrille und ganz in Leder zeigte und keine Miene mehr verzog, immer zwei Bodyguards, ebenfalls ganz in Leder, um ihn herum, war zu der Zeit der einzige Rockstar im deutschen Kino und ist es bis jetzt geblieben. Er durfte Hotelzimmer in Cannes verwüsten, Stars ernennen und andere fallen lassen und durfte am Ende auch sein eigenes Leben zerstören, während die anderen ihm dabei zusahen. Er brachte die Exzentrik und das Freiheitsgefühl der schwulen Avantgarde ins deutsche Kino und in den deutschen Kulturbetrieb, indem er auch bei den vielen Filmen, die mit dieser Thematik nichts zu tun hatten, die Form versinnlichte, ästhetisierte und gleichzeitig aktualisierte. Die Themen waren immer neu und aus der Gegenwart bei den richtig guten Filmen. Einzigartig war sein Melodram „In einem Jahr mit dreizehn Monden“, das mit poetischen und theatralischen Mitteln spielte und sie in die Höhe trieb. Fassbinder kam ursprünglich vom Theater, und das merkte man. Er erzählte, ähnlich streng wie Brecht, gesellschaftliche Parabeln. Mutter Küster ist nur ein Beispiel dafür.

Fassbinder hatte eben jenen Rock and Roll im Blut, den man nicht kaufen kann. Er machte sie alle berühmt. Und Ruhm, das war auch wichtig. Sich von den Außenseiterpositionen her durch Genialität Ruhm zu erobern und in die Schlüsselposition der internationalen cineastischen Aufmerksamkeit zu kommen. Andy Warhol, Jane Fonda, Dirk Bogarde. Er schielte immer weiter nach Höherem, dabei wurden seine Filme immer hermetischer und verrückter, und er selbst immer kaputter. Er hatte so viel abzuarbeiten an sich, an der deutschen Gesellschaft, dass ein Leben, so stark auch immer, einfach nicht ausreichen konnte. Der große Zirkus, das Rampenlicht, die Drogen, die Legenden, die er schuf, haben ihn schließlich verschlungen.

Enfant Terrible (Filmszene)
©Bavaria Filmproduktion

Für mich war er ein Komet am nachtschwarzen Berliner Himmel, eine grelle Neonreklame, die im Wind flatterte, ein Monolith, der bunte Farben erfand, um sich in Szene zu setzen, der aber eigentlich aus dem kalten, grauen Urgestein der deutschen Nachkriegsgesellschaft gemacht war. Mit all den düsteren Gedanken, dem Pessimismus, den Selbstzweifeln, die dazu gehörten. Jeder kaputte Held seiner Geschichten, der an sich selbst zugrunde ging, war ein Teil von ihm selbst. Und mit jedem von ihnen starb er selbst ein Stück. Am Ende ist er zu Kreuze gekrochen, wie richtige Rock and Roller dies tun, ausgebrannt und sein Leben in Scherben und ungeheuer einsam. Er hat Freundschaften im Feuerofen seiner Produktivität verbrennen lassen und ist weitergezogen. „Leichen pflasterten“ seinen Weg. 39 Filme haben wir ihm zu verdanken. Es war alles dabei: vom atemberaubenden Melodram über herrliche böse schwarze Komödien bis hin zu den großen Gesellschaftsdramen. Jeder Film war anders, fast jeder Film eine Überraschung. Unfehlbar war er nicht. Perfekte Filme zu machen war nicht sein Anspruch. Dazu war er zu impulsiv, letztlich zu emotional. Er musste Leben vorlegen, um diese lebensnahen Filme zu machen. Das war die Krux. Er hatte keinen Rückzugsort, wohin er sich hätte verkriechen können, wie die anderen. Kunst und Leben waren vollkommen ineinander verflochten.

Er war ein sehr junger Mann mit einer großen Weisheit und einer ebenso großen Komik. Er war der Einzigartige, der Prägende unter den deutschen Filmregisseuren und Autoren. Alles für die Kunst und leben, als gäbe es kein Morgen. Nach dieser Devise leben heißt, nicht alt zu werden. Fassbinder blieb es erspart, als Veteran vor sich hinzudümpeln, sich nur noch zu wiederholen und langweiliges Zeug zu machen. Er starb auf dem Höhepunkt seines schöpferischen Ruhms, im Alter von 37 Jahren.

Text via Weltkino Filmverleih

Stab/Crew
Produzent/in: Markus Zimmer
Produzent/in: Stefan Arndt
Produzent/in: Uwe Schott
Redaktion: Alexander Bickel
Redaktion: Cornelia Ackers (BR)
Redaktion: Andrea Hanke (WDR)
Regie: Oskar Roehler
Drehbuch: Klaus Richter
Kamera/DoP: Carl-Friedrich Koschnick
Schnitt: Hansjörg Weißbrich
Musik: Martin Todsharow
Produktionsdesign: Oskar Roehler
künstlerische Leitung: Markus Schütz
Casting: Uwe Bünker
Kostümdesign: Peri de Bragança
Kostüme: Daniele Gossens-Dommel (Supervisor)
Maske: Schwerthelm Ziehfreund
Tondesign: Kai Tebbel
Ton: Andreas Wölki
Ton: Hubertus Rath (Mischung)
Requisite: Dagmar Wiggenhauser (Outdoor)
Requisite: Jan Feil (Indoor)
Kameraoperator: Ansgar Krajewski
beteiligte Firmen
Produktion: Bavaria Filmproduktion
Produktion: X Filme Creative Pool
Koproduktion: WDR
Koproduktion: Bayerischer Rundfunk (BR)
Koproduktion: Arte
Verleih Deutschland: Weltkino Filmverleih
gefördert/unterstützt durch: Film- und Medienstiftung NRW
gefördert/unterstützt durch: FilmFernsehFonds Bayern
gefördert/unterstützt durch: Medienboard Berlin-Brandenburg
gefördert/unterstützt durch: Deutscher Filmförderfonds

Quelle: Weltkino Filmverleih, FilmBizNews