Gimme Danger (Filmszene)
©Studiocanal, Low Mind Films
Titel: Gimme Danger
Originaltitel: Gimme Danger
Land: USA
Genre: Dokumentarfilm, Musikfilm, Essay
Kinostart Deutschland: 27.04.2017
Regie: Jim Jarmusch
Farbe: Farbe, Schwarz-Weiß
Format: 1:1.85, 1:2.35, DCP
Ton: Dolby Digital
Laufzeit: 108 Minuten
Budget:
Mit: James Osterberg alias Iggy Pop, Ron Asheton, Scott Asheton, James Williamson
FSK: ohne Altersbeschränkung
sonstiges:
Cast
Protagonisten Rolle
James Osterberg alias Iggy Pop selbst
Ron Asheton selbst
Scott Asheton selbst
James Williamson selbst
Steve Mackay selbst
Mike Watt selbst
Danny Fields selbst
Kathy Asheton selbst
David Bowie selbst
Ewan McGregor Curt Wild
Inhalt
Gimme Danger (Filmplakat)Jim Jarmusch, in dessen Filmen Popmusik schon immer eine große Rolle spielte, interviewt für GIMME DANGER Iggy Pop und andere Protagonisten der Geschichte der Ur-Punkband The Stooges. So entsteht eine einzigartige dokumentarische Reise. Ein Trip durch eine mehr als bewegte Vergangenheit. In GIMME DANGER blickt Iggy Pop, der unter dem bürgerlichen Namen James Osterberg geboren wurde, als Godfather of Punk ausführlich zurück auf den Werdegang seiner Band. Eine Band, die anders war. Eine Rasselbande, die nie aufhörte, sich gegen das Establishment zu richten. Eine der wichtigsten Wahrheiten dieses Dokumentarfilms: Es war nicht das Plattengeschäft, das The Stooges groß machte. Es war ihre Anti-Haltung, die einer ganzen Subkultur den Weg bereitete. Independent-Film-Ikone Jim Jarmusch selbst gehört zu dieser Subkultur. GIMME DANGER ist deshalb kritische Würdigung und gelebtes Fantum zugleich.

Aus historischem Bildmaterial und aktuellen Gesprächen setzt Jim Jarmusch das Puzzle des unerhörten Misserfolgs und Erfolgs der Stooges zusammen. Sie mögen Dilettanten gewesen sein, eine aus dem Impuls zusammengeschusterte Krawallband. Aber die Taugenichtse, die Kritiker in ihnen sahen, waren sie nicht. Das Bad in der Menge, bei dem Iggy Pop sich mit Erdnussbutter einschmierte; seine groteske Körpersprache, der absolute musikalische Nonkonformismus. Diese Rock‘n’Roll-Freakshow, so erfahren wir, war damals ungewohnt und wurde nicht nur von der Fachpresse mit Argwohn verfolgt. Jarmuschs Film liefert dazu die Archivbilder: Wo Iggy and The Stooges waren, da war auch der Exzess. Im Guten wie im Schlechten. Iggy & Co. werden vom Schicksal hin- und hergeschleudert. Management-Zoff, Rockbottom, Drogensumpf. Mehr als einmal standen die Stooges mit dem Rücken zur Wand. Auch über den plötzlichen Tod des viel zu früh verstorbenen James Alexander wird geredet.

Gimme Danger (Filmszene)
©Studiocanal, Frank Pettis

Im Mittelpunkt des Films steht Iggy Pop. Er sitzt nicht nur als Zeitzeuge für Jarmuschs Film vor der Kamera, er hat auch die Zeit, die er bezeugt, entscheidend geprägt. Aufgewachsen in einer Wohnwagensiedlung nahe Ann Arbor, Michigan, fand Iggy Pop, der schon früh sein Faible für Lärm entdeckte, über das Drumkit zur Musik. Seine Eltern räumten bereitwillig ihr Schlafzimmer im Trailer, um ihrem Sohn Platz fürs Schlagzeug zu verschaffen. Offen erzählt er Jarmusch gegenüber vom Einfluss der Kinderserien im TV auf ihn als erwachsenen Künstler: Besonders angetan hatte es ihm die Figur Clarabell the Clown – weil man nie wusste, was der als Nächstes tun würde. Er liebte Soupy Sales, der Briefe der kleinen Zuschauer entgegennahm und vorlas, aber auf eine Länge von 25 Wörtern bestand. Eine der wenigen Grenzen, die Iggy Pops Kunst kannte. Er nahm sich vor, sie bei seinen Songtexten einzuhalten.

Iggy Pops eloquent dargelegten Erinnerungen illustriert Jarmusch teilweise mit Animationssequenzen und dann wieder mit historischen Konzertaufnahmen. Er schneidet auch Spielfilmszenen dazwischen. So tritt Ewan McGregor in seiner Rolle als Curt Wild aus Todd Haynes` VELVET GOLDMINE in Erscheinung. Die Bandmitglieder Ron und Scott Asheton kommen zu Wort und liefern detaillierte Einblicke in den autoaggressiven Organismus der ersten echten Extrem-Band. Legendäre Fans wie Mike Watt von Firehose zollen Tribut. Mit der Bühnen-Reunion von 2003 endet GIMME DANGER.

Kommentar von Jim Jarmusch
Keine andere Band in der Geschichte des Rock ’n‘ Roll kommt an die Stooges heran und an ihre Kombination aus heftigem, urgewaltigem Hämmern, zugedröhntem Psychedelic und Blues-a-Billy-Grind mit lakonischen, von Existenzangst geprägten Texten und einem Frontmann, der wie ein zähnefletschender Leopard auf und ab stolziert und dabei irgendwie Nijinsky, Bruce Lee, Harpo Marx und Arthur Rimbaud in sich vereint. Die Stooges sind einzigartig, während sie ihrerseits zum Vorbild zahlloser Gruppen wurden.

Ich möchte GIMME DANGER eher als „Essay“ denn als Dokumentation verstanden wissen. Der Film ist eine Liebeserklärung an die womöglich größte Rock-n-Roll-Band aller Zeiten. Wir präsentieren ihren Werdegang, ihre Einflüsse und ihre Wirkung. Dabei kommen nie zuvor gezeigte Filmaufnahmen und Fotos zum Einsatz. Wie die Stooges und ihre Musik ist auch GIMME DANGER ein bisschen wild, chaotisch, emotional, witzig, brachial und auf denkbar ungehobelte Weise niveauvoll. Lang leben die Stooges!

Hintergrundinfo
THE STOOGES „Play like you mean it“

Gimme Danger (Filmszene)
©Studiocanal, Danny Fields & Gillian McCain

Punk macht man nicht, Punk ist man. Das ist wahr. Und wo andere geschichtsträchtige Bands zunächst mit einer Menge Zahlen vorgestellt werden, kommt man bei The Stooges ins Stocken. Kann man ihnen mit Zahlen überhaupt gerecht werden? Wohl kaum. Die Verdienste der Ur-Punks wurden erst spät sichtbar, reichen aber weiter als jede Auszeichnung und jede Diskografie. Als Pioniere des Punkrock – oder überhaupt ganzer Rock-Generationen – inspirierten sie selbst andere Ur-Punks wie die Ramones. Bevor James Newell Osterberg sich als Iggy Pop zu einem der größten Revoluzzer seiner Zeit mauserte, verdingte er sich als Live-Schlagzeuger in verschiedenen Bands. 1967 gibt er mit den Co-Foundern Ron und Scott Asheton an Gitarre und Schlagzeug und Bassist Dave Alexander das erste The Stooges-Konzert. Auf der Bühne macht er Dinge, die bis dato undenkbar erschienen. Seine Ausflüge ins Publikum und die tabulose Live-Performance wurden zum Aushängeschild der Skandalband. Das Publikum lernt das Ausrasten. Und die Presse zeigt sich verschreckt bis empört. Die Musik an sich, laut und primitiv gestrickt, wurde als Attraktion von vornherein von der skandalösen Intensität der selbstzerstörerischen Auftritte überlagert.

Im Vorprogramm der MC5 macht die Band den im Publikum anwesenden Danny Fields auf sich aufmerksam. Wenig später nimmt dessen Arbeitgeber, das Majorlabel Elektra, The Stooges unter Vertrag. Das selbstbetitelte Debüt wird von The Velvet Undergrounds John Cale produziert. Es erscheint 1969. Zum Zeitpunkt seines Erscheinens bleibt es blass, doch heute ist klar: The Stooges lieferten da bereits eine Blaupause für den neuen Rock’n’Roll. Dann geht es bergab: Schon das zweite Album „Fun House“ läutet die vorläufige Auflösung der Stooges ein. Drogen haben die Band fest im Griff – wie so viele zu dieser Zeit. Ihre Auftritte leiden stark darunter. Der Tod von Gründungsmitglied und Bassist Dave Alexander kurz nach den Aufnahmen zum Album gibt der Gruppe den Rest.

Mit Schützenhilfe David Bowies und seines Managers, die der Band einen Deal mit Columbia vermitteln, findet man kurzzeitig wieder zusammen. Unter Bowies Leitung nehmen The Stooges ihr drittes und vorerst letztes Album „Raw Power“ auf, das 1973 erscheint, bevor sie im Streit auseinandergehen. Ihr künstlerisches Erbe allerdings erweist sich in den folgenden Jahrzehnten als gigantisch. Ihre ersten beiden Alben verdienen sich ihre Lorbeeren im Nachhinein. Die Bandmitglieder verschlägt es nun in alle Himmelsrichtungen. Iggy Pop selbst zieht mit David Bowie nach Berlin und feilt erfolgreich an seiner Solo-Karriere. 1977 erscheinen seine wegweisenden Alben „The Idiot“ und „Lust For Life“. Im Jahr 2003 gelingt den Stooges eine Live-Reunion, 2007 schließlich erscheint das Comeback-Album „The Weirdness“, geschrieben von Iggy Pop und den Stooges-Mitbegründern Scott und Ron Asheton. 2013 folgt nach zwei Live-Alben mit „Ready To Die“ die wohl finale Studio-LP – ohne die Mitwirkung des überraschend verstorbenen Ron Asheton. Mit dessen Bruder Scott verstirbt im Jahr 2014 das letzte neben Iggy verbliebene Gründungsmitglied. Der Spirit der Stooges aber wirkt unbeirrt weiter fort. Kein Wunder, bei dem Motto: „Play like you mean it“.

Stab/Crew
Produzent/in: Carter Logan
Produzent/in: Fernando Sulichin
Produzent/in: Rob Wilson
Ausführende/r Produzent/in: Serge Lobo
Ausführende/r Produzent/in: José Ibáñez
Ausführende/r Produzent/in: Jon Kilik
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Kamera/DoP: Tom Krueger
Schnitt: Affonso Gonçalves
Schnitt: Adam Kurnitz
Tondesign: Robert Hein
Ton: Michael Guggino (Mischung)
Musikabteilung: Adam Kurnitz (Schnitt)
Animation: James Kerr
beteiligte Firmen
Produktion: Low Mind Films
Produktion: New Element Media
Soundtrack: Rhino Records
Verleih Deutschland: Studiocanal