Wackersdorf (Filmszene)
©Erik Mosoni
Titel: Wackersdorf
Originaltitel: Wackersdorf
Land: Deutschland
Genre: Drama (Polit-Drama)
Deutschlandstart: 20.09.2018
Regie: Oliver Haffner
Farbe: Farbe
Format:
Ton:
Laufzeit: 123 Minuten
Budget:
Mit: Johannes Zeiler, Peter Jordan, Florian Brückner, Anna Maria Sturm
FSK: ab 6 Jahren
sonstiges:
Cast
Darsteller/in Rolle
Johannes Zeiler Hans Schuierer
Peter Jordan Claus Bössenecker
Florian Brückner Vollmann
Anna Maria Sturm Monika Gegenfurtner
Fabian Hinrichs Karlheinz Billinger
Andreas Bittl Karl Gegenfurtner
Johannes Herrschmann Josef Pirner
Frederic Linkemann Staatssekretär
Ines Honsel Lilo Schuierer
Sigi Zimmerschied Umweltminister
August Zirner Innenminister
Marlene Morreis Frau Knapp
Dietmar Dengler Meininger
Tobias John von Freyend Bendix
Axel Röhrle Ingenieur
Inhalt
Wackersdorf (Filmplakat)Der oberpfälzische Landkreis Schwandorf steckt Anfang der Achtziger Jahre in einer tiefen Krise und der Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler) steht unter Druck, Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region zu schaffen. Wie ein Geschenk erscheinen da die Pläne, die ihm der bayerische Umweltminister (Sigi Zimmerschied) unterbreitet: Im Landkreis soll eine atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) gebaut werden, die wirtschaftlichen Aufschwung verspricht. Noch stehe man in Konkurrenz mit anderen Standorten, aber die Chancen stünden gut.Und Schuierers Hoffnung wird weiter genährt. Auch Karlheinz Billinger (Fabian Hinrichs) von der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) stellt ihm in Aussicht, die WAA im Landkreis zu bauen: eine moderne, saubere Hochtechnologie-Anlage, so Billinger, von der die Landschaft weitgehend unberührt bleibe. Schuierer ist begeistert und reist sogar extra nach München, um sich für das Projekt einzusetzen. Wenig später steht fest: Die WAA wird im Landkreis Schwandorf gebaut, in der Gemeinde von Schuierers Freund, dem Bürgermeister Josef Pirner (Johannes Herrschmann) – in Wackersdorf.Eine kleine Gruppe von Atomkraft-Gegnern ist darauf schon vorbereitet. Zur „Bürgerinitiative Schwandorf“ gehören junge Links-Alternative wie Monika Gegenfurtner (Anna Maria Sturm) und ihr Mann Karl (Andreas Bittl), aber auch ältere Bürger und sogar ein Pfarrer (Harry Täschner). Sie wollen die Atomfabrik in ihrer Heimat verhindern, aus Angst vor den unkalkulierbaren Risiken. Ohne Genehmigung errichten sie einen Holzturm, um die Baustelle im Taxöldener Forst beobachten zu können. Als Schuierer sie deswegen ermahnt, muss er sich von Monika als Handlanger von „Atommafia“ und „Großkapital“ beschimpfen lassen.

Wackersdorf (Filmszene)
©Erik Mosoni

Sein Büroleiter Vollmann (Florian Brückner) schlägt vor, den Turm sofort abreißen zu lassen, doch obwohl Schuierer verärgert ist, besteht er darauf, den offiziellen Weg einzuhalten. Er will die Entscheidung des zuständigen Gerichts abwarten. Dabei bleibt er auch, als die Regierung ihn unter Druck setzt. Denn das Recht ist für Schuierer unumstößlich. Umso entsetzter ist er, als die Polizei den Holzturm einfach abreißt, auf Weisung „von ganz oben“ – ein Rechtsbruch der Bayerischen Staatsregierung.

Angesichts der unverhältnismäßigen Reaktion wird Schuierer misstrauisch und beginnt genauer nachzuforschen. Einen unverhofften Verbündeten findet er dabei in dem Beamten Claus Bössenecker (Peter Jordan), den die Staatsregierung dem Landratsamt für Bauangelegenheiten zugewiesen hat. Je akribischer Schuierer sich in das Thema Atomenergie einarbeitet, desto sensibler wird er für die Sorgen, die viele Menschen in der Region haben, auch seine Frau Lilo (Ines Honsel) und die beiden Kinder. Wie groß sind die Risiken der WAA wirklich? Wollen Staatsregierung und Atomlobby die Oberpfälzer hinters Licht führen? Soll in der WAA sogar irgendwann waffenfähiges Plutonium hergestellt werden, wie die Aktivistin Monika glaubt?

Schuierers Skepsis wird noch konkreter, als er auf einem Bauplan einen 200 Meter hohen Kamin entdeckt. Mit diesem, so erklärt ein Fachmann der DWK, sollen die radioaktiven Abfälle in höhere Luftschichten gelenkt werden, das minimiere die Belastung der Umgebung. Aber wenn die Anlage doch so ungefährlich ist wie behauptet, warum ist es dann überhaupt notwendig, den Rauch in höhere Luftschichten zu lenken, fragt sich Schuierer. Der Landrat nimmt seine Verantwortung für die Region und ihre Bevölkerung sehr ernst – und die Gefahren der WAA erscheinen ihm viel zu groß.

Wackersdorf (Filmszene)
©Erik Mosoni

Schuierer geht mit seinen Zweifeln an die Öffentlichkeit und rückt von seiner Haltung auch nicht ab, als der Druck immer stärker wird. Er erhält Drohbriefe und selbst sein Freund Josef Pirner distanziert sich von ihm – auch weil er nicht auf die hohen Gewerbesteuern der DWK verzichten will, die er in Wackersdorf schon vorab investiert hat. Für die Regierung ist Schuierers Widerstand problematisch, da seine Unterschriften rechtlich nötig sind. Doch dann schaltet der Ministerpräsident einen ehrgeizigen jungen Politiker (Frederic Linkemann) ein – und dem sind alle Mittel recht, die WAA zu seinem persönlichen Erfolg zu machen. Er erarbeitet ein Gesetz, das Landräte faktisch entmachtet. Mit dieser „Lex Schuierer“ braucht die Staatsregierung auf Schuierers Einwände keine Rücksicht mehr zu nehmen.

Der Taxöldener Forst wird gerodet und um das Gelände wird ein riesiger Zaun gebaut, den Hunderte Polizisten vor den Demonstranten bewachen. Außerdem verhaftet die Polizei willkürlich Aktivisten. Hans Schuierer muss all dem machtlos zusehen und erleben, wie Familien und Freundschaften an der Frage zerbrechen, ob die WAA gebaut werden soll oder nicht. Doch er entscheidet sich dafür weiterzukämpfen: als einfacher Staatsbürger, als Teil der Protestbewegung. Schuierer wird zu ihrer Symbolfigur und legt sich immer heftiger mit der Strauß-Regierung an. Damit geht er ein großes persönliches Risiko ein…

Kommentar von Ingo Fliess (Produktion)
Wackersdorf (Filmszene)
©Erik Mosoni

Als Oliver Haffner mit der Idee auf mich zukam, einen Film über Wackersdorf zu planen, rannte er bei mir offene Türen ein. Ein Film über rebellierende Untertanen, über die große Geschichte in der vernachlässigten Provinz (aus der ich noch dazu stamme) – und vor allem über die Achtziger Jahre, heute zu unserer Verwunderung oft verklärt als Epoche, in der es noch echte Politiker-Typen gab. Der Nato-Doppelbeschluss, der ausklingende Radikalen-Erlass, speziell in Bayern eine Regierung, deren Ministerpräsident Künstler und Intellektuelle als „Ratten und Schmeißfliegen“ bezeichnete und deren Parteigänger Aidskranke kasernieren lassen wollte – war da nicht was?

Aber wie diesen großen Stoff angehen? Viele haben ihr Wackersdorf-Erlebnis im Kopf und manche in den Knochen. Wer Wackersdorf hört, denkt an Schlachtenbilder mit Wasserwerfern, Autonomen und Hundertschaften Polizei. Das erachteten wir weder als herstellbar, noch als abendfüllend. Deswegen war die Frage: Wie kam es zu so einer Wut auf die Politik (und die von ihr instrumentalisierte Polizei)? Dazu mussten wir tiefer bohren.

Filmische Vorbilder waren kaum greifbar. Zeitgeschichtliche Stoffe kommen im Kino jenseits von Nazi, Stasi und RAF praktisch nicht vor, schon gar nicht im Bayerischen. „Eine Liebe am Bauzaun“ – erfolgreiches Strickmuster manches Event-TV-Films – kam nicht in Frage. Wir erinnerten uns an den unbeugsamen Landrat Schuierer, nach dem sogar ein Gesetz benannt wurde. Anders als mit der Entmachtung des gewählten Landrats wusste sich die Bayerische Staatsregierung nicht zu helfen. Aus der Fülle des epischen Stoffes – immerhin reicht die wahre Geschichte vom Anfang der Achtziger Jahre bis 1989 – musste eine fokussierte und eben gar nicht chronikhafte Story kondensiert werden. Keine Rekonstruktion, sondern Fiktion, die das Politische im Alltäglichen findet und dabei konkret und genau ist. Gernot Krää und Oliver Haffner haben hier Großes geleistet – und es ist kein Wunder, dass die Stoffentwicklung mehrere Jahre dauerte.

Wackersdorf (Filmszene)
©Erik Mosoni

Die regionale Verortung des Films – im Oberpfälzer Dialekt, gedreht in der Landschaft um das echte Wackersdorf herum, mit den Gesichtern der Oberpfalz – war eine logische Konsequenz. Die meisten Filme, die uns etwas bedeuten, sind regionale Geschichten. „Heimat ist da, wo man sich aufregt“, sagte kürzlich ein junger Grünen-Politiker. WACKERSDORF ist für uns deswegen auch immer als ungewöhnlicher Heimatfilm betrachtet worden. Damit man die Deutungshoheit über „Bayern“ nicht denjenigen überlässt, die sich bis heute nicht entschuldigt haben für die Kriminalisierung der eigenen Bevölkerung, geschweige denn sich dafür bedankt haben, dass heute nicht eine Atomruine die eigentliche Sensation der mittleren Oberpfalz ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, aus ganz anderen Gründen stolz zu sein auf „Unser Bayern“: weil hier mit Zivilcourage und vereinten Kräften Zukunft gestaltet wurde. Weil die Geschichte von Wackersdorf beweist, dass man sich wehren kann, wenn Unrecht geschieht.

Text via Alamode Film

Histotischer Hintergrund
Die bürgerkriegsähnlichen Bilder haben sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt: Polizisten, die auf Demonstranten einschlagen und aus Wasserwerfern Reizgas schießen, Helikopter, aus denen Rauchbomben geworfen werden, Autonome, die mit Steinen auf Polizisten zielen und Autos anzünden. Und mittendrin Zehntausende Bürger, die friedlich demonstrieren, um den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage zu verhindern.

Diese soll in den Achtziger Jahren in Wackersdorf gebaut werden, einer Gemeinde im oberpfälzischen Landkreis Schwandorf. Der Ort ist einst durch Braunkohleförderung reich geworden, doch Anfang der Achtziger werden die Bergwerke geschlossen, die Arbeitslosigkeit liegt bei über zwanzig Prozent. Nun könnten tausende neue Arbeitsplätze entstehen: Die Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK), ein Zusammenschluss der zwölf größten Energieversorger der BRD, hatte jahrelang nach dem passenden Ort für die WAA gesucht, in der jährlich 500 Tonnen Atommüll bearbeitet werden sollen. Im Februar 1985 legt sie sich auf Wackersdorf fest. Darauf hatte Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß energisch hingearbeitet, der DWK pries er die Oberpfälzer als „industriegewohnte Bevölkerung“ an.

Eine Fehleinschätzung: Anwohner und Atomkraftgegner sind schon mobilisiert, seit der Standort Wackersdorf im Gespräch ist. 1981 gründet sich die „Bürgerinitiative Schwandorf“, 1982 demonstrieren 15.000 Menschen gegen die WAA-Pläne, ab 1984 finden regelmäßig „Sonntagsspaziergänge“ statt. Aber nicht alle in der Region sind gegen die WAA: Über der Frage, ob die potenziell lukrative Anlage gebaut werden soll, zerbrechen viele Familien und Freundschaften.

Am 11. Dezember 1985 beginnt die Rodung im Taxöldener Forst bei Wackersdorf. Die Gegner errichten auf dem Baugelände Hüttendörfer, die von der Polizei umgehend geräumt werden. An Heiligabend stehen die Hütten wieder, bis zu 1.500 Demonstranten feiern Weihnachten und Silvester bei klirrender Kälte. Am 7. Januar 1986 beendet die Polizei den „Weihnachtsfrieden“, macht das Hüttendorf dem Erdboden gleich und verhaftet hunderte Demonstranten. Der Widerstandsgeist wird dadurch umso größer. An Ostern gehen 100.000 Menschen zur Baustelle. Bei Auseinandersetzungen mit Militanten setzt die Polizei erstmals CS-Gas ein. Kurz darauf erhalten die Proteste eine neue Dimension – wegen der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986. Wochenende für Wochenende demonstrieren Menschen, der Protest überschreitet die Grenzen der Region.

Am Pfingstmontag eskaliert am Bauzaun die Gewalt. Polizisten schießen CS-Gas in die Menschenmenge, in der auch viele Kinder sind, und verletzen hunderte friedliche Demonstranten, viele davon schwer. Auf der Gegenseite werfen Autonome Steine und Molotow-Cocktails. Auch im Oktober 1987 kommt es am Bauzaun zu Gewalt, Spezialeinheiten der Berliner Polizei gehen besonders brutal gegen die Demonstranten vor. Und auch jenseits des Geländes setzt die Polizei der Bevölkerung zu, mit Kontrollen und Hausdurchsuchungen, mit kreisenden Aufklärungshubschraubern. Die Menschen, die ihre Heimat friedlich verteidigen wollen, müssen sich immer wieder als „Chaoten“ beschimpfen und kriminalisieren lassen.

Wie breit der Widerstand gegen die WAA ist, verdeutlicht eine Zahl: 881.000. So viele Einwendungen werden beim Erörterungstermin zur zweiten Teilerrichtungsgenehmigung 1988 eingereicht. Die CSU-geführte Staatsregierung hält dennoch an ihren Plänen fest, auch nach dem Tod von Franz Josef Strauß im Oktober desselben Jahres. Das Ende der WAA beschließt nicht die Politik, sondern die Industrie: Im April 1989 zieht sich der größte deutsche Energieproduzent VEBA (heute E.ON) zurück. „Zu langwierig, zu teuer“, lautet das Fazit des Vorstandsvorsitzenden Rudolf von Benningsen-Foerder. Die VEBA nimmt ein lukratives Angebot eines französischen Atomkonzerns an und am 31. Mai 1989 verkündet die DWK, die Bauarbeiten in Wackersdorf einzustellen. Im Juni unterzeichnen Minister aus BRD und Frankreich eine Vereinbarung für die gemeinsame Wiederaufbereitungsanlage in La Hague. Dort und in England werden heute die abgebrannten Brennstäbe aus deutschen Atomkraftwerken wiederaufbereitet. Auf dem Gelände im Taxöldener Forst befindet sich mittlerweile der „Innovationspark Wackersdorf“, ein 55 Hektar großes Industriegebiet, auf dem 3.000 Menschen für BMW und Automobil-Zulieferer arbeiten.

Bei den Protesten gegen die WAA in Wackersdorf starben zwei Demonstranten und ein Polizist, hunderte Menschen wurden verletzt, tausende verhaftet. Das Aus der WAA war ein historischer Erfolg der Anti-Atomkraft-Bewegung und ein Triumph der Zivilgesellschaft. Wackersdorf steht für eine neue Bürgerbewegung, für eine Stärkung der Demokratie. Hinsichtlich der Bayerischen Staatsregierung hatten die Geschehnisse aber keine Auswirkungen: Die CSU gewann bei den Landtagswahlen 1986 und 1990 die absolute Mehrheit, wie zuvor, wie danach.

Text via Alamode Film

Stab/Crew
Produzent/in: Ingo Fliess
Redaktion: Claudia Simionescu (BR)
Redaktion: Carlos Gerstenhauer (BR)
Redaktion: Barbara Häbe (Arte)
Redaktion: Monika Lobcowicz (BR, Arte)
Regie: Oliver Haffner
1. Regieassistent/in: Leslie Fritz
2. Regieassistent/in: Alexander Stahl
Drehbuch: Gernot Krää
Drehbuch: Oliver Haffner
Kamera/DoP: Kaspar Kaven
Schnitt: Anja Pohl
Casting: Stephanie Maile
Produktionsdesign: Renate Schmaderer
Setdekoration: Thomas Höltzel
Produktionsleitung: Heino Herrenbrück
Produktionsmanagement: Luzie Lohmeyer (Supervisor)
Postproduktion: Sabrina Rühl (Supervisor)
Postproduktion: Fabian Spang (Koordination)
Tondesign: Daniel Dietenberger
Ton: Marc Parisotto
Ton: Michael Hinreiner (Mischung)
Kostümdesign: Christian Röhrs
Maskenbild: Dana Bieler
Maskenbild: Irina Schwarz
Maske: Jennifer Berr
Requisite: Babett Pönisch
Visuelle Effekte (Producer): Christoph Hierl
Kameraoperator: Clemens Krüger
Kameraoperator: Thomas Schiller (Steadicam)
Kameraoperator: Peter Schmehl (Steadicam)
Kameraoperator: Leon Moralic (Drohnenkamera)
beteiligte Firmen
Produktion: if… Productions
Koproduktion: Arte
Koproduktion: Bayerischer Rundfunk (BR)
In Zusammenarbeit mit: CinePostproduction
Verleih Deutschland: Alamode Film
gefördert/unterstützt durch: Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM)
gefördert/unterstützt durch: (FilmFernsehFonds Bayern (FFF Bayern)
gefördert/unterstützt durch: Deutscher Filmförderfonds (DFFF)